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Rassismus

Liebe und Rassismus

Triggerwarnung:

Dieser Text enthält Verweise auf rassistische Stereotype und Vorurteile. Wenn du selbst von Rassismus betroffen bist, achte gut auf dich oder entscheide dich, den Text nicht zu lesen. Nach der Einführung werden von Rassismus betroffene Menschen zu Wort kommen. Wenn du erst ab dort lesen möchtest, springe zur Überschrift „Interviews“. Falls dir in diesem Text Formulierungen auffallen, die rassistisch sind oder die wir besser nicht so verwenden sollten, schreib uns bitte auf Instagram @vielfalt.liebe oder per Mail an vielfalt@j-gcl.org, wir sind dir dankbar!

Dieser Text wurde von einer weißen Person geschrieben und richtet sich an weiße Personen.

Disklaimer/ Erklärung, falls du dich noch nicht so viel mit Rassismus beschäftigt hast:

In diesem Text schreibe ich weiß kursiv und Schwarz groß, um sichtbar zu machen, dass Schwarz eine Selbstbezeichnung und beides politische Begriffe sind. Das bedeutet, dass die Bezeichnung weiß oder Schwarz für eine Person nichts über die tatsächliche Hautfarbe der Person aussagt, sondern über ihre Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung. Diese Unterscheidungen haben keine biologische oder sonstige wissenschaftliche Grundlage. Es gibt keine Menschenrassen oder biologischen Unterschiede zwischen den Menschengruppen, die Rassismus erfahren und denen, die es nicht tun, Rassifizierung – die Einteilung von Menschen in „Rassen“ – ist ein gesellschaftliches Konstrukt, also eine Erfindung. Weiße Männer haben diese Einteilung erfunden, um Schwarze Menschen und Menschen of Color ausbeuten und abwerten zu können.

Liebe löscht Rassismus nicht aus

„Liebe löscht Rassismus nicht aus“, schreibt Alice Hasters in ihrem Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ in Kapitel 4. Das ganze Kapitel ist dem Thema „Liebe“ gewidmet: Wie wirkt sich Rassismus auf Liebesbeziehungen von Menschen, die Rassismus erfahren, aus?

Alice Hasters, Autorin des Buches „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“

In diesem Kontext sprechen Menschen, die Rassismus erleben (also z. B. BiPoC, was für Black, indigenous und People of Color steht, also Schwarze, indigene und Menschen of Color, nicht-weiße Menschen) oft von der Angst vor Fetischisierung. Sie möchten nicht „wegen“ ihrer Rassifizierung gedatet oder gemocht werden, nicht aufgrund von Vorurteilen und Stereotypen, die vor allem weiße Menschen mit ihrem Aussehen verbinden – beispielsweise, sie seien „ausländisch“, „exotisch“, „anders“ oder weniger gebildet.

Das ist sehr schmerzhaft und verletzend, wir alle wollen als Individuum gesehen werden und gemocht und geliebt werden, weil wir wir sind und nicht, weil wir in eine bestimmte Schublade passen. Erst recht nicht, weil der Mensch, der uns datet, damit irgendetwas beweisen (z. B. dass er*sie nicht rassistisch ist) oder ausprobieren möchte.

Niemand möchte Dinge hören wie „mit einer/ einem wie dir hatte ich noch nie was“, jedenfalls nicht, wenn dieser Satz sich auf gesellschaftliche Positionierungen und Zuschreibungen von außen bezieht. Menschen sind kein Spielzeug und verdienen es, als Individuum behandelt zu werden.

Wenn du also denkst, Schwarze Menschen oder Menschen of Color seien „dein Typ“, dann ist das Rassismus. Das ist „normal“, wir alle sind rassistisch erzogen worden und haben deswegen rassistische Gedanken. Aber es ist nicht okay. Wenn du denkst, Schwarze Menschen oder Menschen of Color seien in irgendeiner Weise anders als weiße Menschen (außer, dass sie Rassismus erleben und darunter leiden), dann beschäftige dich bitte mehr mit dem Thema. Lies Bücher wie das von Alice Hasters, „Exit Racism“ von Tupoka Ogette oder andere und versuche, deine Vorurteile los zu werden und alle Menschen als Individuen zu sehen, die nicht für eine Gruppe stehen oder sprechen.

Alle Menschen haben viele Dinge mit allen, einige mit einigen und manche mit keinen anderen Menschen gemeinsam. Es gibt keine Menschenrassen und die Gene einer Schwarzen Person unterscheiden sich nicht mehr von der einer weißen Person, als die zweier weißer, nicht direkt verwandter Personen sich voneinander unterscheiden. Das sind die wissenschaftlichen Fakten.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass weiße Menschen sich nicht in Schwarze Menschen oder Menschen of Color verlieben können oder gar dürfen. Wir sollten Menschen nur nicht wegen, aber auch nicht trotz ihrer Rassifizierung toll finden. Aber wir können Menschen toll finden und uns in sie verlieben und manche davon erleben Rassismus, während wir das nicht tun. Und das hat dann Auswirkungen auf die Beziehung, die wir mit diesen Menschen führen. „Nur weil du dich in mich verliebt hast, sind damit nicht all deine Vorurteile verschwunden“, schreibt Alice Hasters auf S. 130.

Was bedeutet das für die Autorin? Alice Hasters ist eine vermutlich heterosexuelle Schwarze Deutsche. Jedenfalls schreibt sie in ihrem Buch über heterosexuelle Beziehungen. Ich werde das Kapitel, bzw. seine wesentlichen Aussagen, hier kurz zusammenfassen:

Eine Auswirkung von Rassismus auf Beziehungen zwischen ihr und weißen Männern* ist für sie, dass wir weißen uns über bestimmte Dinge keine Gedanken machen müssen: Bewerbungen, Wohnungsbesichtigungen oder Reisen an bestimmte Orte beispielsweise.

„Als Mann wirst du mir Geschichten darüber erzählen, wie du dich hemmungslos betrunken hast und danach allein im Dunkeln nach Hause gelaufen bist. In diesen Geschichten wird es eigentlich um etwas ganz anderes gehen, aber ich werde an diesem Detail hängen bleiben, weil ich merken werde, dass es mir noch nie so ging wie dir.“ (Alice Hasters, S. 131).

Dieses Zitat beschreibt eine ganz andere Ebene der Ungleichheit in Beziehungen, die Ungleichheit zwischen Geschlechtern. Das ist zwar nur schwer mit Rassismus vergleichbar, aber für uns weiße Menschen, v. a. für die Jugendverbandler*innen unter uns, vertrauter. Damit haben wir uns schon beschäftigt und ein großer Teil von uns – alle, die Mädchen*, Frauen* oder weiblich sozialisierte Personen sind – haben das selbst schon erlebt. Das macht die Ungleichheit zwischen weißen und BiPoC Personen vielleicht greifbarer.

In Gesellschaft von weißen Partner*innen ist der Rassismus, den Alice Hasters beschreibt, manchmal weniger oder zumindest anders, so wie auch Frauen* weniger oder zumindest anderen Sexismus erleben, wenn sie mit Männern* unterwegs sind. Als „Begleitung“ ist das „du gehörst aber nicht hier her“ seltener – weil Begleitungen übersehen werden. Hier spielen Rassismus und Sexismus einander in die Karten. Aber das führt dazu, dass wir weißen uns dann oft nicht vorstellen können, dass das ohne uns anders läuft – und vielleicht Erzählungen und Erfahrungen von BiPoC anzweifeln oder kleinreden. So wie Männer* die Erfahrungen von Frauen* anzweifeln und kleinreden, von „das bildest du dir ein“ über „nimm es doch als Kompliment“ bis „aber nicht alle sind so“ – gleicher Mechanismus, gleicher Schmerz bei den Betroffenen.

Wir weißen feiern Filme, Serien, Lieder, Stars, weil uns deren Rassismus nicht auffällt oder weil wir ihn nicht so schlimm finden. Wenn wir darauf hingewiesen werden, reagieren wir meist einfach mit Abwehr. „Warum ist das denn so schlimm?“ Bei so einer Reaktion fühlen sich Betroffene der entsprechenden Diskriminierungsform sehr weit weg von ihren Partner*innen und einsam. Während wir, die weißen Partner*innen, vermutlich wenig darüber nachdenken. Wir wollen uns vielleicht gerade nicht die Stimmung verderben lassen. Denn das ist das Privileg derer, die nicht, diskriminiert werden: Wir können entscheiden, uns jetzt nicht damit beschäftigen zu wollen. Den Schmerz jetzt nicht fühlen zu wollen. Während die Betroffenen vor einem Witz, einem Plakat, einer Darstellung ihrer Identität in den Medien nicht weglaufen können, sich nicht aussuchen können, heute mal nicht Schwarz oder of Color zu sein.

Wenn der* die Partner*in auf die Diskriminierungserfahrung mit Unverständnis oder Gleichgültigkeit reagiert, wird das die diskriminierte Person irgendwann wütend machen – und damit wird sie einem Stereotyp entsprechen, beispielsweise dem der „irrationalen, überemotionalen Schwarzen Frau“. (Interessanterweise gibt es diese Stereotype, die Wut lächerlich machen, in verschiedenen Ausprägungen über jede marginalisierte Gruppe. Über weiße Hetero-Cis-Männer nicht, die wirken stark und ihre Wut berechtigt und sind ja außerdem Individuen und keine Gruppe …)

„Oder du wirst mir zuhören. Du wirst lernen, mit diesem unbequemen Gefühl umzugehen, und wirst dich schweren Herzens nach und nach von deinen rassistischen Lieblingskünstler*innen, Kindheitsschätzen und Ansichten lösen.

Nach diesem kleinen Durchbruch wirst du ein schlechtes Gewissen haben und verunsichert sein. Denn jetzt ist dir bewusst, dass du weiß bist. Und Cisgender. Und heterosexuell. Und dass du genauso Teil der systemischen Diskriminierung bist.“ (Alice Hasters, S. 133).

Sich mit den eigenen Privilegien zu beschäftigen, ist unangenehm. Es führt dazu, dass wir anfangen, Diskriminierung, die uns nicht betrifft, zu sehen – und gleichzeitig unsicher zu sein, ob wir genug sehen, aber auch nicht zu viel, weil wir ja selbst nicht betroffen sind. Das ist wichtig, das ist gut.

Das führt aber vielleicht dazu, dass wir Betroffene nach ihren Einschätzungen fragen und dabei übersehen, dass ihnen diese Gespräche nichts bringen und wie anstrengend sie für sie sind. Dass wir unsere Beziehungen mit Betroffenen als „Argument“ missbrauchen, wenn wir mit anderen diskutieren. Sogar dann, wenn andere Betroffene anwesend sind. Das ist Diskriminierung, das ist Rassismus. Das verletzt die BiPoC, die wir lieben.

Andere weiße fragen uns vielleicht, wie es ist, mit einer BiPoC Person zusammen zu sein, konfrontieren uns mit Vorurteilen über bevorzugte Sexpraktiken und das Aussehen von Genitalien und hier erleben wir Rassismus so nah, wie es uns als weißen möglich ist. (Bei solchen Fragen am besten einfach nur antworten, dass das rassistischer Unsinn ist und warum das über weiße Personen nicht gefragt wird.) Wir werden hilflos und verletzt sein und Menschen mit anderen Augen sehen – etwas, das Betroffenen auch passiert.

Interviews

Ich habe in meinem Freund*innen- und Bekanntenkreis, innerhalb der J-GCL, sowie auf Instagram BiPoC zu ihren Erfahrungen mit Rassismus in ihrem Liebesleben befragt. Sie haben alle die gleichen Fragen bekommen, durften sich aber aussuchen, welche davon sie beantworten und unter welchem Namen das veröffentlicht wird. Hier sind die Fragen:

  1. Welche Selbstbezeichnungen sind für deine Identität im Rahmen von Dating und Beziehungen relevant? (z. B. sexuelle Orientierung, Geschlecht/ Gender, Behinderung, Rassismuserfahrung, Migrationshintergrund, Beziehungsmodell)
  2. Welchen Einfluss hat Rassismus auf deine Beziehungen und dein Datingleben?
  3. Was nervt am meisten daran, weiße Menschen zu daten oder mit ihnen Beziehungen zu führen?
  4. Hat es für dich Vorteile, weiße Menschen zu daten?
  5. Welche Unterschiede erlebst du, wenn du weiße Menschen datest, im Gegensatz dazu, BiPoC zu daten?
  6. Was sollte(n) dein*e weiße Partner*in auf keinen Fall tun?
  7. Was wünschst du dir von weißen Partner*innen konkret?
  8. Welche Fragen sollten weiße Menschen Partner*innen mit Rassismuserfahrung stellen? Welche nicht?
  9. Wie überschneidet sich Rassismus mit anderen Diskriminierungsformen, die du erlebst?
  10. Welche Frage sollte in dieses Interview aufgenommen werden? Was möchtest du noch sagen?

Interview 1, Wandi, 24, Frau, heterosexuell

via Sprachnachricht

Welche Selbstbezeichnungen sind für deine Identität im Rahmen von Dating und Beziehungen relevant?

Ich bin Wandi, 24 Jahre alt, geboren und auf aufgewachsen in Bochum, Deutschland. Meine Eltern kommen beide aus Ghana und sind seit ca. 35 Jahren in Deutschland und ich bin heterosexuell, also sehe mich selber als Frau und stehe auf, bzw. date Männer.

Was nervt am meisten daran, weiße Menschen zu daten oder mit ihnen Beziehungen zu führen?

Für mich zum Beispiel ein Faktor ist das Erklären von in meinen Augen oft grundlegenden Sachen und immer wieder wiederholen von Aussagen wie zum Beispiel „kriegst du einen Sonnenbrand?“, „färbt deine Farbe ab“ und was hab ich schon alles gehört? „Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Von Schwarzen Menschen, die Haare wachsen nicht“, „Schwarze Menschen haben immer so schöne dicke Lippen“ und ja, einfach ganz ganz viel in dem Bereich.

Hat es für dich Vorteile, weiße Menschen zu daten?

Für mich hat das definitiv keine Vorteile, weiße Menschen zu daten, hab ich tatsächlich jetzt auch noch nicht so oft gemacht.

Welche Unterschiede erlebst du, wenn du weiße Menschen datest, im Gegensatz dazu, BiPoC zu daten?

Weiße Menschen daten unterscheidet sich meiner Meinung nach enorm zu dem Gegensatz, BiPoC zu daten. Wie gesagt, bei weißen Menschen hat man halt noch mal ganz ganz viel Erklären, und ganz ganz viel Auseinander setzen und ganz ganz viel Schauen, ob diese weiße Person überhaupt ein Ally ist oder überhaupt educated ist im Bereich Black History und und und. Und auch willig ist, sich damit auseinanderzusetzen. Wobei BiPoC natürlich schon allein durch Genetik vorinformiert sind und viele Sachen schon wissen und das mehr ein Austausch ist, als ein Educaten. In eine Beziehung mit einer weißen Person zu gehen ist für mich immer sehr viel Arbeit und educational Work.

Was sollte(n) dein*e weiße Partner*in auf keinen Fall tun?

Ein weißer Partner sollte auf gar keinen Fall sich über mich und meine Realität, meine Emotionen, meine Gefühle bezüglich meiner Herkunft, meiner Hautfarbe und meinen Erfahrungen mit Rassismus lustig machen und das auf die leichte Schulter nehmen bzw. mir meine Erfahrungen absprechen. Das sollte ein weißer Partner auf gar keinen Fall tun.

Was wünschst du dir von weißen Partner*innen konkret?

Von weißen Partnern wünsche ich mir konkret, dass er einfach viel selbstständig arbeitet im Bezug auf educational work bzw. im Bezug auf Black History und Rassismus. Einfach Eigeninitiative wünsche ich mir da.

Welche Fragen sollen weiße Menschen stellen und welche nicht?

Ja, also da bin ich wie gesagt für einen Austausch immer zu haben, aber ein Austausch ist natürlich angenehmer, wenn bereits Vorwissen besteht und da ist. Wenn es nicht so ist, dann ist es halt einfach nur educational work von meiner Seite. Deswegen wünsche ich mir, dass man sich da auf einer Augenhöhe trifft und austauscht und gegenseitig informiert, lernt und wächst, mehr als dass ich halt dann die komplette Arbeit übernehme.

Wie überschneidet sich Rassismus mit anderen Diskriminierungsformen, die ich erlebe?

Da spricht man ja von Intersektionalitätserfahrungen und da hat man natürlich auch Sexismus insbesondere mit dabei, da ich natürlich eine Schwarze Cis-Frau bin, spielt auch das eine Rolle. Da überschneiden sich bei mir zum Beispiel definitiv die Punkte Rassismus und Sexismus und als Schwarze Frau wird man oft halt als Objekt gesehen und begegnet ganz ganz vielen Vorurteilen bzw. Vorstellungen von anderen Menschen, Partnern, wo wir sehr sexualisiert werden.

Welche Frage sollte in dieses Interview aufgenommen werden? Was möchtest du noch sagen?

An sich finde ich das ganz coole Fragen bereits für das Interview, ich hoffe ich konnte dir damit weiterhelfen, wenn ich sonst noch was für dich tun kann, lass es mich wissen!

Vielen lieben Dank für das Interview, liebe Wandi! Ihr findet Wandi auf Instagram unter @queenwandi, wo sie nicht nur wunderschöne Fotos teil, sondern angenehme und unangenehme Fragen stellt und Empowerment für Schwarze Menschen und Schwarze Frauen macht. Außerdem ist sie Mitbegründerin des „Stolze Augen“, des ersten deutschen Buchverlages von und für BiPoC.

Interview 2, Annika, 23, weiblich, zwischen bi- und pansexuell, greysexuell

Via Chat

Welche Selbstbezeichnungen sind für deine Identität im Rahmen von Dating und Beziehungen relevant?

 Ich bin weiblich, 23, polyamor und irgendwas zwischen bi und pansexuell. Außerdem wird im Laufe der Zeit meist relevant, dass ich depressiv, recht intelligent und greysexuell bin.

 Welchen Einfluss hat Rassismus auf deine Beziehungen und dein Datingleben?

Fast gar keinen. Zumindest keinen, der mir bewusst ist. Manchmal rede ich in meinen Beziehungen über Rassismuserfahrungen, aber ansonsten ist das kein großes Thema.

Was nervt am meisten daran, weiße Menschen zu daten oder mit ihnen Beziehungen zu führen?  Mich nervt daran nichts. Leute, denen ich zum Beispiel erklären muss, warum die Frage, wo ich wirklich herkomme, unangebracht ist, würde ich gar nicht erst daten.

Hat es für dich Vorteile, weiße Menschen zu daten?

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem quasi alle Menschen bis auf meine Mutter und meine Schwester weiß waren. Ich bin es also gewohnt, hauptsächlich mit weißen Menschen zu interagieren. Auch heute noch ist mein Umfeld sehr weiß. Dadurch habe ich natürlich viel internalisierten Rassismus selbst übernommen – vor allem gegenüber Menschen, die noch deutlicher nicht-weiß sind als ich. Daraus ergibt sich eine oft unbewusste Hürde gegenüber Menschen aus anderen Kulturen und Menschen of Color.
Es ist für mich also tatsächlich bequemer und einfacher, weiße Menschen zu daten – was aber nicht dazu führt, dass ich lieber eine weiße Person anstatt einer Person of Color daten würde.

Welche Unterschiede erlebst du, wenn du weiße Menschen datest, im Gegensatz dazu, BiPoC zu daten?

Ich habe noch nie eine BiPoC gedatet, daher kann ich dazu nichts sagen.

Was sollte(n) dein*e weiße Partner*in auf keinen Fall tun?

Rassismus ignorieren oder rechtfertigen, behaupten, sie wären frei von Rassismus, die Hintergründe meiner Hautfarbe anderen Menschen gegenüber erzählen,….. Also einfach keine Arschlöcher sein 😉

Was wünschst du dir von weißen Partner*innen konkret?

Ich wünsche mir, dass sie mir in Situationen, in denen ich Rassismus ausgesetzt bin, den Rücken stärken und für mich da sind. Abgesehen davon wäre es schön, wenn sie nicht nur gegen Rassismus mir gegenüber, sondern gegen Rassismus allgemein kämpfen würden.

Welche Fragen sollten weiße Menschen Partner*innen mit Rassismuserfahrung stellen? Welche nicht?

 Gute Fragen: Hast du Lust, über unsere Familiengeschichten zu sprechen? Was hast du für persönliche Erfahrungen mit Rassismus? Möchtest du Unterstützung von mir und wenn ja, welche?
Schlechte Fragen: Ich kann mir keine schlechte Frage vorstellen, die mir eine Person stellen könnte, die es schon geschafft hat, mit mir eine Partnerschaft zu führen.

Wie überschneidet sich Rassismus mit anderen Diskriminierungsformen, die du erlebst?

Oft ist eine Kombination aus Sexismus und Rassismus vorhanden, wenn ich zb im Internet sexualisiert und teilweise für meine Hautfarbe fetischisiert werde.

Welche Frage sollte in dieses Interview aufgenommen werden? Was möchtest du noch sagen?

 Ich glaube, es fehlt nichts.

Vielen lieben Dank für deine Zeit und deine Antworten, liebe Annika!

Interview 3, H., männlich aus Syrien 27 Jahre alt

Via Chat


Welche Selbstbezeichnungen sind für deine Identität im Rahmen von Dating und Beziehungen relevant?
Ich bin männlich, komme aus Syrien, bin 27 Jahre alt und lebe seit ein paar Jahren in Deutschland

Hat Rassismus Einfluss auf deine Beziehungen und dein Datingleben?
Nein hat es nicht, weil aus meiner Sicht Menschen unterschiedlich handeln. Dennoch hatte ich die Erfahrung, dass manche am Anfang extrem neugierig waren, da ich für sie einen abstrakten kulturellen Hintergrund habe.


Was nervt am meisten daran, weiße Menschen zu daten oder mit ihnen Beziehungen zu führen?
Manche sind positiv überrascht wie offen ich bin. Manche sind übervorsichtig. Manche sind distanziert. Manche gehen ganz normal damit um.


Welche Unterschiede erlebst du, wenn du weiße Menschen datest, im Gegensatz dazu, BiPoC zu daten?
Kann ich nicht beantworten, weil es immer individuell ist.

Was sollte(n) dein*e weiße Partner*in auf keinen Fall tun?
Sie sollten mich nicht auf meine Herkunft zu reduzieren und mir komische Fragen stellen wie z. B., ob wir Zuhause auch Autos oder Cola haben – in Syrien gibt es Krieg, aber es ist trotzdem ein normales Land, in dem es die meisten Dinge zu kaufen gibt, die es auch in Europa gibt.

Was wünschst du dir von weißen Partner*innen konkret?
Ich wünsche mir immer einen normalen Umgang, unabhängig von Herkunft.

Welche Fragen sollten weiße Menschen Partner*innen mit Rassismuserfahrung stellen? Welche nicht?
Es kommt immer auf die Intention an und nicht auf die Frage. Wichtig ist, dass sie oder er mich durch die Frage nicht abgrenzt, z. B. „habt ihr auch Autos?“

Wie überschneidet sich Rassismus mit anderen Diskriminierungsformen, die du erlebst?
Rassismus und Diskriminierung im Allgemeinen sind Formen der Abgrenzung der Menschen aufgrund bestimmter Fakten, Merkmale oder Lebensweisen.
Die führen zum selben Ergebnis, nämlich Menschen abzugrenzen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, nicht dazu zu gehören. Dieses Gefühl tut dem Menschen irgendwie immer weh.

Vielen lieben Dank, H., dass ich deine Perspektive teilen darf!

geschrieben von Rewe

Quellen:

Hasters, Alice (2019): Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten. Hanserblau Verlag, Berlin

https://bz-ticket.de/alice-hasters-mit-was-weisse-menschen-nicht-ueber-rassismus-hoeren-wollen-im-literaturhaus-basel

https://jannes-umlauf.de/wp-content/uploads/2019/03/antirassismus.jpg

Von vielfaltundliebe

Wir sind ein demokratisch gewähltes Team aus Mitgliedern der Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens (J-GCL), die hier und auf unserem Instagram-Account @vielfalt.liebe Mitglieder und andere Interessierte zu Themen rund um Vielfalt und Liebe informieren.
Informationen zu unseren Verbänden findest du unter www.j-gcl.org.

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