Überall auf der Welt leiden BiPoC unter Rassismus, oft verknüpft mit nicht-christlichen Religionen
Hier kommt der dritte Teil unserer Reihe „Wie beeinflusst Rassismus das Liebesleben von BiPoC. Im ersten Teil werden Begriffe erklärt und das Buch der Schwarzen Deutschen Alice Hasters vorgestellt, die dem Thema „Beziehungen und Rassismus“ ein Kapitel gewidmet und mich damit auf die Idee für diese Reihe gebracht hat. Den Artikel findet ihr hier:
Während in den letzten beiden Beiträgen hauptsächlich Schwarze Menschen und Personen of Color, die als „arabisch“ gelesen werden, zu Wort kamen, findet ihr in diesem Blogbeitrag auch zwei besondere Formen von Rassismus:
Die erste ist antiasiatischer Rassismus, also Rassismus gegen Menschen, denen die rassistisch handelnde Person einen asiatischen Migrationshintergrund zuschreibt. Obwohl beispielsweise auch die Türkei zum Teil in Asien liegt, richtet sich diese Form des Rassismus vor allen Dingen gegen Menschen, deren Aussehen wir beispielsweise mit China, Japan, Thailand oder Vietnam verbinden. Sie treffen ganz andere Vorurteile als Schwarze Menschen und die Geschichte dieser Länder ist nicht so sehr durch die Versklavung der Bevölkerung durch weiße Kolonialherren geprägt, doch auch dieser Rassismus wirkt sich auf die psychische Gesundheit Betroffener aus und häufig auch auf die physische. Besonders während der Corona-Pandemie nahmen Übergriffe auf asiatisch gelesene Personen zu, da das Virus in China zuerst auftrat und einige Menschen daher Personen, die sie als „Chinesen“ wahrnahmen, absurderweise die Schuld dafür gaben – was selbstverständlich total unsinnig ist, aber rassistische Gewalt ist sowieso niemals gerechtfertigt.
Beim Finden von Interviewpartner*innen haben mir hierbei die beiden Hosts des Podcasts „Rice and Shine“, Minhthu Tran und Vanessa Vu geholfen. Vielen Dank dafür und eine große Empfehlung für den Podcast! (Instagram @riceandshine)
Die andere spezielle Form des Rassismus ist Antisemitismus. Hierzu wird mein Interviewpartner auch noch ein paar Dinge erklären. Antisemitismus ist Feindlichkeit gegenüber Menschen, die dem Judentum angehören. Für alle, die in der Schule schon etwas über den Holocaust, also den schrecklichen Versuch der Nationalsozialist*innen in Deutschland von 1933 bis 1945 gehört haben, dürfte es nichts Neues sein, dass es dabei nicht darum geht, was diese Menschen glauben, obwohl das Judentum ja eine Religion ist. Antisemitisches Denken unterstellt Menschen, jüdisch zu sein, selbst wenn ihre Familie vor Generationen zu einer anderen Religion übergetreten ist und konstruiert Menschen, die Vorfahren jüdischen Glaubens haben oder selbst Jüd*innen sind, als „Menschenrasse“. Ähnlich wie bei anti-Schwarzem und anti-asiatischem Rassismus sind wir aber auch alle mit Vorurteilen gegenüber Jüd*innen aufgewachsen und müssen uns intensiv damit beschäftigen, um diese zu verlernen. Das Interview hier ist vielleicht ein Anfang.
Beim Finden von Interviewpartner*innen, die Antisemitismus erleben, hat mir das Jüdische Forum JFDA e. V. geholfen. (Instagram @jfda_ev). Die machen tolle Anti-Diskrimnierungsarbeit, auch hier eine Empfehlung für den Account und großes Danke!
Außerdem freut es mich, dass ich dieses Mal drei Männer* bzw. männliche* Personen Interviewen durfte, nachdem dieses Geschlecht in den bisherigen Beiträgen ein wenig unterrepräsentiert war!
Triggerwarnung:
In den Interviews werden rassistische und antisemitische Stereotype und Vorurteile benannt. Wenn du selbst von Rassismus oder Antisemitismus (letztes Interview) betroffen bist, achte gut auf dich oder entscheide dich, den Text nicht zu lesen.
Interview 7, Soufian, 28 Jahre, Deutschiraker, heterosexuell
via Sprachnachricht
Welche Selbstbezeichnungen sind für deine Identität im Rahmen von Dating und Beziehungen relevant?
Alter nicht unbedingt, also ich label mich nicht unbedingt über mein Alter, sexuelle Orientierung schon, ich bin hetero. Damit beim Gegenüber jetzt nicht ein falscher Eindruck entsteht, wär das schon bei Dating relevant, wobei ich das jetzt nicht immer dazu benenne und so, also z.B. war ich auf OkCupid unterwegs, da habe ich das jetzt nicht unbedingt so benannt. Geschlecht ist auch relevant, ich label mich nicht als Mann aber ich bin eine männlich gelesene Person. Ich habe keine Behinderung.
Was ansonsten für mich schon wichtig ist, das label ich nicht, aber das ist über meinen Namen erkennbar: Dass ich Migrationshintergrund habe. Und daher ist es schon für mich und meine Identität wichtig, einfach weil dass sie auch Teil meine Identität ist, dass ich Rassismuserfahrungen mache.
Ich bin Deutsch-Iraker, in Deutschland geboren und aufgewachsen.
Mit dem Thema Rassismus habe ich mich sehr ausführlich beschäftigt, ich gebe auch Workshops und Seminare dazu.
Welchen Einfluss hat Rassismus auf deine Beziehungen und dein Datingleben?
Auf jeden Fall hatte Rassismus Einfluss auf meine Beziehungen weil ich z.B. beim Kennenlernen der Eltern meiner Partnerin immer mit Rassismus konfrontiert war. Also ich habe einen arabischen Migrationshintergrund, ich habe Kommentare bekommen wie „für mich sind alle Araber erstmal Bombenleger“, „wie machst du das, dass du mit deiner bei deiner Familie bist, wenn die alle so Barbaren sind“ … Natürlich hat das irgendwie zu Diskussionen geführt, weil das für mich irgendwie auch immer schmerzlich war oder wehgetan hat. Das ist dann anstrengend, wenn ich da kein Verständnis bekommen habe von Partnerinnen.
Ja ich musste ganz kurz noch Mal über die Frage nachdenken, wie das vielleicht Dating und so was beeinflusst hat. Ich hatte total auf das Gefühl dass ist auf eine gewisse Art und Weise exotisiert wurde. Das heißt irgendwie, dass ich Angebote bekommen habe von weißen Frauen, weil sie irgendwie das interessant und spannend fanden Mal mit nem Ausländer … das war eine mega akwarde Geschichte, die mir gerade noch eingefallen ist. Das war jetzt irgendwie eine gewisse Häufigkeit, also das ist nicht einmal passiert, sondern irgendwie ganz ganz häufig.
Was nervt am meisten daran, weiße Menschen zu daten oder mit ihnen Beziehungen zu führen?
Dass man alles erklären muss. Also es gibt immer irgendwie so krass naive Fragen und manchmal will man nicht in seinem privaten in dem Bereich, wo man vielleicht auch als Partner irgendwie Sicherheit und Schutz sucht dann auch noch jeden Scheiß erklären müssen. Also deswegen ist das auch so dass ich mich über Rassismuserfahrungen am liebsten mit meinen PoC Freunden austausche.
Dass wir da irgendwie diese Erfahrungen transportieren, das gemeinsam machen können aber das irgendwie ein Austausch auf Augenhöhe ist und es immer irgendwie weird ist, das mit weißen Menschen zu machen, weil das oft zu Unverständnis führt.
Hat es für dich Vorteile, weiße Menschen zu daten?
Ich würd sagen nein ich weiß nicht also also hat einfach nicht in meiner Wahrnehmung, ich habe da jetzt habe ich nicht die Erfahrung gemacht.
Welche Unterschiede erlebst du, wenn du weiße Menschen datest, im Gegensatz dazu, BiPoC zu daten?
Na ja wie ich das schon am Anfang erwähnt habe, sind Rassismuserfahrungen schon etwas, worauf sich ein Teil meiner Identität bezieht, einfach aus dem heraus, dass ich das tagtäglich mache. Und sich austauschen genau zu dem – es ist ja so, dass es ein ganz anderes Verständnis her für die Familienverhältnisse gibt bei anderen PoC. Wenn Leute einen Migrationshintergrund aus der ähnlichen Region haben wie ich – also ich hatte mal eine kurdische Freundin, deren Familienverhältnisse waren ähnlich wie meine. Das ist ein ganz anderes Verhältnis zur Familie, zu Papa und Mama. Dass man als PoC da irgendwie ein anderes Verständnis dafür hat, während sag ich mal der „Biodeutsche“, die „Biodeutsche“ irgendwie mit 18 auszieht und irgendwie so ein klares Konzept im Kopf hat, wie das abzulaufen hat: Dass man sich gefühlt nur an Weihnachten und Ostern sieht. Es hat bei uns noch ganz andere Relevanz, Kontakt zur Familie zu haben und da habe ich immer mehr Verständnis dann eben von Leuten aus demselben oder einem ählichen Kulturkreis erlebt, als von Deutschen, die das einfach nicht so nachvollziehen können.
Auch meine innere Zerrissenheit: Ich hab das Gefühl, ich lebe zwischen zwei Welten, ich … irgendwie ist in mir die deutsche Seite, irgendwie ist in mir die arabische Seite und von Almans kriegt man kein Verständnis dafür, dass man halt da auch gerne mal hinfliegen will und seine Familie besuchen will, dass man immer irgendwie ein Bezug dazu hat. Auch wenn ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, wird immer irgendwie ein Teil von mir in Irak sein und auch dort bleiben.
Was sollte(n) dein*e weiße Partner*in auf keinen Fall tun?
Ich hasse das, wenn ich mich irgendwie rechtfertigen muss für Sachen, die in meinem Kontext passieren. Dass es also dieses krasse infrage Stellen, nur weil die eigenen Werte-Vorstellung nicht so ist oder das nicht Teil der eigenen Lebensrealität ist, die Bewertung von unterschiedlichen kulturellen Praktiken z.B. gehört auch dazu. Genau also solche Sachen sind anstrengend und irgendwie bescheuert.
Im Bezug auf dieses „wie man so ein Miteinander gestalten kann“, in einer Beziehung einer weißen mit einer nicht-weißen Person: Ich glaube, was mich ganz ganz krass genervt hat, ist, dass man immer darum kämpfen muss, für die Anerkennung dessen, dass es so was wie Rassismus gibt und das im Zweifel auch der*die Partner*in rassistisch sein kann. Also antirassistische Praxis heißt, erst mal anzuerkennen, dass wir alle Teil eines rassistischen Systems sind und das heißt, egal ob ich weiß bin oder nicht-weiß, kann ich auch Rassismus reproduzieren.
Ich bin Teil dieses Systems und das macht es vielleicht auch ein bisschen einfacher, weil man dann nicht mehr irgendwie in das Moralisierende reinkommt von „jetzt hast du aber einen rassistischen Satz gesagt“. Auch dieses White fragility ist schwer aushaltbar, finde ich, weil ich so eine Diskussion dann in meiner Beziehung nicht führen möchte. Das ist dann halt ok, so, „du hast jetzt hat gerade eben den Scheiß gesagt und dann musst du das halt jetzt auch annehmen“ oder so. Das ist halt ein konstanter Aushandlungsprozess und manchmal halt gar nicht so leicht, vor allem, wenn man das Ganze versucht zu reflektiert zu führen und das nicht irgendwie so aus dem Bauchgefühl heraus macht, sondern mit einem Bewusstsein, mit einer Auseinandersetzung, mit einer Debatte. Man sollte sich sehr stark bewusst sein, was Rassismus für ein wirkmächtiges System ist.
Was wünschst du dir von weißen Partner*innen konkret?
Ich weiß nicht, ob ich das so konkret was sagen kann. Ich glaube halt irgendwie, manchmal einfach wissen, wann man halt den Mund hat muss. Also das ist nicht böse gemeint oder so was, sondern halt viel eher: Es gibt Punkte, an den weiße Personen halt nicht mitdiskutieren können und das ist so und daran kann ich auch nicht viel ändern. Noch viel schlimmer finde ich dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich jetzt schlecht fühlen musst, weil ich dann irgendwie über Sachen spreche an denen die Person nicht teilhaben kann. Das ist Teil meiner Lebensrealität, es gibt auch Sachen, die nicht Teil meiner Lebensrealität sind von weißen Menschen, dann genau ist das so.
Welche Fragen sollten weiße Menschen Partner*innen mit Rassismuserfahrung stellen? Welche nicht?
Das ist sehr schwieriges Spannungsverhältnis, wenn man einerseits irgendwie wie ein Bewusstsein und eine Anerkennung dafür haben will, dass man Rassismuserfahrungen macht und gleichzeitig irgendwie naive fragen total anstrengend und dumm sein können oder halt schlichtweg auch irgendwie verletzt werden kann. Deswegen glaube ich, das kann man nicht pauschal beantworten, sondern ist irgendwas, was jeder Mensch für sich beantworten muss, nämlich nach den Erfahrungen, die er*sie macht. Für mich können Fragen also in einem gewissen Kontext eine rassistische Wirkung haben, für andere nicht, weil einfach da Kontext irgendwie ganz viel ausmacht.
Ich glaube, das kann man nicht pauschalisieren.
Wie überschneidet sich Rassismus mit anderen Diskriminierungsformen, die du erlebst?
Für mich gar nicht, ich bin von keiner anderen Diskriminierungsform betroffenen. Ich bin männlich, ich hab keine Behinderung oder irgendwie was, deswegen würde ich sagen dass ich nur Erfahrung auf dem Gebiet von Rassismus habe oder irgendwie so eine Diskriminierungsform erfahre.
Welche Frage sollte in dieses Interview aufgenommen werden? Was möchtest du noch sagen?
Total cool dass du dich mit dem Thema beschäftigst, das kann man nie genug machen! Vielen, vielen Dank auch dafür, dass ich irgendwie daran mit machen kann! Ich glaube, wenn viele Menschen sich so intensiv mit dem Thema Rassismus beschäftigen würden, wie wie du das tust, dann wär die Welt auf jeden Fall ein großes Stück weit besser. Und es gibt viel zu wenig Veröffentlichungen über Rassismus in Beziehungen oder in Dating-Kontexten, deswegen freue ich mich sehr auf den Text!
Vielen lieben Dank, Soufian, dass du dir die Zeit genommen hast!
Ich habe auch schon das Glück gehabt, eines von Soufians Seminaren besuchen zu dürfen und bin immer wieder beeindruckt, wie gut er* Sachen „im Vorbeigehen“ erklären kann und immer ein perfektes Beispiel parat hat, umso mehr freue ich mich, dass er auch an unserer Interview-Reihe teilgenommen hat!
Interview 8, Nam, 31, heterosexuell, cis-männlich gelesen, vietnamesische Wurzeln
via E-Mail
Welche Selbstbezeichnungen sind für deine Identität im Rahmen von Dating und Beziehungen relevant?
Ich bin ein selber hetero cis Mann gelesen, mit vietnamesischen Wurzeln. Ich bin in Westdeutschland geboren und aufgewachsen und habe durch meine Arbeit schon überall in Deutschland und halb Europa gelebt.
Welchen Einfluss hat Rassismus auf deine Beziehungen und dein Datingleben?
Es ist der allgemeine Alltagsrassismus, der das Datingleben beeinflusst. Mit süd-ostasiatischer Abstammung werden Klischees verbunden, wie zB die Androgynität, eine angeblich fehlende Männlichkeit, verbunden mit kleinen Genitalien oder auch das nerdige Auftreten, welches durch Medien der westlichen Welt verstärkt wird.
Was nervt am meisten daran, weiße Menschen zu daten oder Beziehungen mit ihnen zu führen?
Weiße Menschen zu daten heißt auch relativ häufig sich unangenehmen Äußerungen zu stellen. Wie z. B . „Für einen Asiaten bist du gar nicht so schlecht.“ oder „Wusste gar nicht, dass Asiaten so interessant sein können“. Es wirkt häufig, als ob Menschen mit asiatischer Abstammung für Beziehungen nicht geeignet wären. („kein leidenschaftlicher Franzose, charmanter Spanier, den gut bestückten Europäer, sondern so ein komischer Asiate“)
Hat es für dich Vorteile, weiße Menschen zu daten?
Ja hat es. Allerdings schmeckt mir der Vorteil ganz und gar nicht. Meine Partnerin ist häufig wie ein Fürsprecher für mich, da man z. B. mit ausländischem Namen häufig schon aussortiert wird oder die Priorität wird nicht so hoch eingestuft. Um dies zu umgehen, nutze ich z. B. die E-Mailadressen meiner Partnerinnen oder bitte sie um eine Fürsprache (Vor allem bei Bewerbungen war das früher häufig der Fall, aber auch Behördengänge etc.)
Welche Unterschiede erlebst du, wenn du weiße Menschen datest, im Gegensatz dazu, BiPoC zu daten?
Beziehungen zwischen weißen Menschen und BiPoC werden von der Gesellschaft noch gerne mit kritischem Blick betrachtet und sind noch nicht so sehr akzeptiert.
Was sollte(n) dein*e weiße Partner*in(nen) auf keinen Fall tun?
Meine weiße Partnerin soll mich so sehen wie ich bin und nicht auf die äußeren Einflüsse (Klischees/Vorurteile, Rassismus) hören. Sie sollte auf keinen Fall die Beziehung verstecken, weil es ihr „peinlich“ ist.
Was wünschst du dir von weißen Partner*innen konkret?
Nimm mich nicht als Asiaten war, sondern einfach nur als ein Mensch!
Welche Fragen sollten weiße Menschen Partner*innen mit Rassismuserfahrung stellen? Welche nicht?
Da gibt es bei mir keine Tabus, je mehr mein Partner darüber weiß, desto eher kann er es nachvollziehen und auch selber mal Partei ergreifen.
Wie überschneidet sich Rassismus mit anderen Diskriminierungsformen, die du erlebst?
Speziell bei Rassismus gegenüber Asiaten, geht es Hand in Hand mit Body-Shaming. Es herrschen sehr viele Vorurteile gegenüber den Körperbau der asiatischen Bevölkerung (Keine Kurven am Körper, wenig Oberweite, kleine Genitalien, weiblicher Körperbau, keine „Männlichen Attribute“ (Groß, muskulös, Bartwuchs/Körperbehaarung).
Welche Frage sollte in dieses Interview aufgenommen werden? Was möchtest du noch sagen?
Seid offen gegenüber allen Menschen. Diese Aufforderung gilt nicht nur gegenüber der weißen Gesellschaft, sondern allen.
Vielen lieben Dank für deine Antworten und deine Perspektive, Nam! Besonders die letzte Antwort liegt glaube ich allen Interviepartner*innen am Herzen!
Interview 9, Morgenthau, 22, männlich, Jude
via E-Mail
Welche Selbstbezeichnungen sind für deine Identität im Rahmen von Dating und Beziehungen
relevant?
Mann, 22 Jahre jung, Jude, Sohn eines Moslems und einer Jüdin
Würdest du sagen, das Antisemitismus eine spezielle Form von Rassismus ist? Wenn ja, wie
unterscheiden sich die beiden? Wenn nein, wie würdest du die Unterschiede definieren?
Während der klassische Rassismus einzelne ethnische Gruppen oder “Rassen“ als minderwertig oder schlechter definiert, betrachten Antisemiten uns Juden eher als eine Gefahr, da wir nicht unbedingt
minderwertig sind, sondern von Grund auf böse.
Während der Rassist die “dümmeren“ oder “schlechteren“ Ethnien für seinen Zweck nutzen kann (zum Beispiel durch Sklaverei), heißt es für den Antisemiten, die Juden zu vernichten und ihnen somit das
“böse“ Handwerk zu legen. Der klassische Antisemitismus sieht keinen Ethnopluralismus als Alternative und mündet in Pogromen und Genozid.
[Erklärung von Rewe: Das Konzept des sogenannten „Ethnopluralismus“ wird von rechten Meinungsmacher*innen heutzutage verwendet, um ihren Rassismus zu verschleiern. Statt von „Menschenrassen“ ist dann von „Ethnien“ die Rede und es wird behauptet, jede dieser Gruppen habe einen bestimmten „Lebensraum“, in den sie „gehöre“. Eine „Vermischung“ dieser Gruppen sei nicht gut und keine Gruppe könne in anderen „Lebensräumen“ glücklich werden. Es ist daher dann angeblich „besser für alle“, wenn „die“, also rassistisch diskriminierte Personen, seien es Schwarze Menschen, asiatisch oder muslimisch gelesene „da hin gehen, wo sie hingehören“, was aufgrund der rassistischen Vorstellung eben „wo anders“ und nicht hier, also z. B. in Deutschland, ist. Diese Ideen werden beispielsweise von der Identitären Bewegung, der deutschen Partei „Alternative für Deutschland“ und anderen Neonazi-Organisationen verbreitet und sind selbstverständlich genauso rassistisch, wie die Nürnberger Rassengesetze. Es gibt keine Menschenrassen, daher kann auch nichts „vermischt“ werden, woher ein Mensch kommt, kann vom Aussehen niemand wissen und alle Menschen sollten selbst entscheiden dürfen, wo sie leben möchten.]
Welchen Einfluss hat Antisemitismus auf deine Beziehungen und dein Datingleben?
Einen direkter Einfluss von Antisemitismus ist mir bisher nicht untergekommen – Philosemitismus war hingegen in zwei Fällen das Thema. Diese zwei Personen, mit welchen ich geschrieben oder gar auf einem Date war, haben mich und meine ethnoreligiöse Herkunft fetischisiert. „Ich konvertiere, damit wir zusammen Jüdische Babys machen können“ ist der ungefähre Wortlaut, welchen ich einer Nachricht auf Instagram entnehmen konnte.
Ob die Beiden mehr in mir gesehen haben, als nur eine jüdische Trophäe, um der Welt ihre Toleranz und Professionalität in Sachen Erinnerungskultur zu zeigen, weiß ich nicht, da dies von vornherein eine „Red Flag“ für mich war.
Was nervt am meisten daran, nicht-jüdische bzw nicht von Antisemitismus betroffene Menschen zu daten oder mit ihnen Beziehungen zu führen?
Es gibt nur eine Sache die mich dahingehend stört. Manchmal stoße ich auf Unverständnis, wenn ich viel über Themen wie Antisemitismus oder Israel rede. Klar ist die Person davon nicht betroffen, aber wenn man mich datet, sollte man nicht von diesen Themen genervt sein. Ich glaube so gut wie jedes Mitglied einer Minderheit fordert Verständnis für die bedingte Paranoia
oder Obsession bei Themen, welche einen betreffen.
Welche Unterschiede erlebst du, wenn du weiße, nicht von Antisemitismus betroffene Menschen datest, im Gegensatz dazu, BiPoC oder als jüdisch gelesene Menschen zu daten?
Bei Nicht-Juden muss ich mir logischerweise keine Sorgen machen, dass diese Person von Antisemitismus betroffen ist oder gar dadurch Gewalt erlebt. Bei einer Jüdischen Partnerin ist geteiltes Leid halbes Leid und man kann besser die politische Situation im Land bewerten, bzw. aus der gleichen Perspektive.
Einen Unterschied beim Ausleben von Festen oder Bräuchen gibt es nicht, da beide Seiten, meiner Erfahrung nach, an den Traditionen des jeweils anderen teilhaben können und wollen.
Was sollte(n) dein*e nicht von Antisemitismus betroffene*r Partner*in auf keinen Fall tun?
Wie schon zuvor erwähnt, finde ich das Absprechen von Gefahr oder eine Attestierung von Paranoia absolut nervig und empathielos. Außerhalb meines Freundeskreises oder meiner Beziehung ist mir das egal, aber wer mit mir zu tun hat, soll gefälligst meine Sorgen ernst nehmen.
Was wünschst du dir von Partner*innen konkret im Bezug auf Antisemitismus?
Eine klare Kante dagegen, kein Fake-Aktionismus und dass meine Partnerin meine Meinung im Bezug zum Nahostkonflikt, mehr oder weniger teilt.
Welche Fragen sollten Menschen Partner*innen mit Antisemitismuserfahrung stellen? Welche nicht?
Alle Fragen sind gestattet und erwünscht – ich persönlich bin da absolut schmerzfrei.
Wie überschneidet sich Antisemitismus mit anderen Diskriminierungsformen, die du erlebst?
Überschneidungen habe ich zuvor nicht erlebt, aber es ist vorgekommen, dass ich als „Kanake“ gelesen wurde, was ich ja ebenfalls bin, dafür angegangen wurde und die Person dann noch erfahren hat, dass ich Jude bin und jenes die Situation noch weiter zuspitzte.
Klassischer Hass auf Ausländer gepaart mit Antisemitismus diese Kombination erlebte ich aus dem rechten Milieu.
[Ergänzung von Rewe: Morgenthau und ich haben uns darüber unterhalten, ob ich das in dieser Antwort erwähnte „K-Wort“ zensieren soll. Ich habe mich dagegen entschieden, da ich ihn* authentisch wiedergeben möchte. Stattdessen versehe ich die Antwort deswegen mit dieser Ergänzung an unsere weißen Leser*innen: Beim K-Wort handelt es sich wie beim N-Wort und M-Wort um eine rassistische Fremdbezeichnung – in diesem Fall generell für ausländisch gelesene, in den anderen Fällen für Schwarze Personen. Das K-Wort hat nicht ganz den gleichen, entmenschlichenden Hintergrund, wie die beiden anderen Wörter, trotzdem sollten alle 3 nur als Selbstbezeichnung von Betroffenen und nicht von weißen Menschen verwendet werden. Nein, ihr sollt auch nicht fragen, ob es für euren Kumpel aus dem Töpferkurs oder die Freundin aus der Fußballmannschaft okay ist, wenn ihr das verwendet, weil ihr euch ja so gut versteht. Lasst es einfach. Fragt stattdessen, wie ihr die Rassismus-Erfahrung der Person benennen könnt oder nutzt Person of Color bzw. Schwarz, das ist auch besser als „Migrationshintergrund“, vor allem für Menschen, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz geboren und aufgewachsen sind.]
Welche Frage sollte in dieses Interview aufgenommen werden? Was möchtest du noch sagen?
Hört Juden zu, wenn es um Antisemitismus geht und seid lieb.
Ihr findet Morgenthau, das ist ein Künstler*name, auf Instagram und allen Streamingplattformen unter @m0rgenthau, also lasst ihm ein Abo da! Vielen lieben Dank dir für deine Antworten und deine Bereitschaft, über Antisemitismus zu sprechen!
So, das war der 3. Teil der Reihe zu Rassismus und Liebe und mich erreichen immer noch Nachrichten von Menschen, die gerne ihre Perspektive beisteuern wollen! Möglicherweise gibt es also bald noch einen vierten Teil! Vielen Dank für euer Interesse!
An alle, die nicht selbst Rassismus erleben, oder aber keine Lust/ Zeit für ein Interview haben, kommentiert eure Meinung gern hier, auf Instagram unter @vielfalt.liebe oder schreibt uns eine DM oder Mail an vielfalt@j-gcl.org! Ganz besonders, wenn ihr Formulierungen irgendwie problematisch oder rassistisch findet, denn das ist auf keinen Fall unsere Absicht, aber wir sind leider noch im Lernprozess mit der anti-rassistischen und anti-diskriminierenden Sprache!
Teilt auch gern mit uns eure Empfehlungen für Blogs, Accounts und Aktivist*innen, die zu ähnlichen Themen arbeiten! Hier gibt es zum Beispiel einen Beitrag – leider auf Englisch, aber deepl.com kann das Problem lösen, falls eures nicht so gut ist – zum Thema Liebe im Teenageralter und Rassismus, die Person kommt aus Sierra Leone und lebt seit ihrer Kindheit in der Schweiz:
geschrieben von Rewe
Bildquelle: https://www.bpb.de/mediathek/178985/die-entstehung-des-rassismus
