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Internationale Solidarität – Mein Freiwilligendienst bei Emántes

Liebe Leser*innen,

die meisten von Euch kennen mich, ich bin Rewan, 27 Jahre alt und trans*. Einige von Euch haben vielleicht auch schon davon gehört, was ich gerade mache: Ich bin in Athen und arbeite ehrenamtlich für die Organisation Emántes. In diesem Blogpost möchte ich Euch ein bisschen davon erzählen, wie es dazu kam und in einem weiteren Post dann die Organisation Emántes vorstellen.

Athen genießen… 😉

2018 habe ich meinen Bachelor in Soziale Arbeit gemacht und dann auch angefangen, als Sozialarbeiter* zu arbeiten. Berufsbegleitend habe ich einen Master gemacht und nun im Sommer meine Masterarbeit fertig geschrieben. Schon vor und während meines Studiums wollte ich immer gerne ins Ausland, aber ein Auslandssemester war leider finanziell nicht möglich für mich. Deswegen habe ich beschlossen, nach meinem Master einen Freiwilligendienst zu machen. Und nachdem ich nicht zuletzt in den J-GCL jede Menge über Rassismus gelernt habe, stand ich dem Ganzen kritisch gegenüber.

Ich wusste, dass ich nur ca. 3 Monate ins Ausland wollte, deswegen beschloss ich, dass ich nicht mit Kindern arbeiten möchte: Kinder bauen eine Bindung auf und können schwer damit umgehen, wenn jemand dann einfach wieder geht, selbst wenn sie schon älter sind und das von Anfang an wissen. Sie verdienen Freiwillige, die zumindest 6 Monate, besser ein Jahr bleiben und natürlich konstante Bezugspersonen.

Außerdem wollte ich, so sehr es mich interessieren würde, ein afrikanisches, südamerikanisches oder asiatisches Land kennen zu lernen, meinen Freiwilligendienst in Europa machen. Auf anderen Kontinenten sind viele Freiwilligendienste sehr auf das Konzept des „White saviourism“ ausgelegt, das von BiPoC (Black, indigenious and People of Color, also Menschen, die Rassismus erfahren) völlig zu Recht kritisiert wird: Die „weißen Retter*innen“ kommen dort hin und tun, was sie denken, das getan werden muss. Sie drücken den dort lebenden Menschen ihre Sichtweisen auf und helfen dabei mehr sich selbst und ihrem Ego als anderen. Und selbst wenn sie helfen, könnten sie das effektiver tun, wenn sie sich danach richten würden, was die Leute vor Ort wirklich brauchen. Viele dieser Programme reproduzieren Rassismus, da die weißen Ehrenamtlichen sich als Retter*innen, Expert*innen und als helfend erleben, während sie die Einheimischen of Color als „schwach“, „hilfsbedürftig“ und „unfähig sich selbst zu helfen“ erleben.

Das wollte ich vermeiden und so überlegte ich, wie ich vorgehen sollte. Selbstverständlich ist ein Freiwilligendienst nie komplett uneigennützig und auch meiner ist es nicht: Ich wollte in ein Land, in dem es warm ist, irgendwo ans Meer am liebsten. Und so fiel meine Wahl auf Griechenland.

Wir alle wissen, dass Griechenland am meisten von der sogenannten „Flüchtlingskrise“ betroffen ist, sehr viele Geflüchtete kommen hier an und die schlimmen Zustände in den Aufnahmelagern und Camps machen seit Jahren Schlagzeilen weltweit. Ich habe in Deutschland bereits ehrenamtlich und auch beruflich mit Geflüchteten gearbeitet und so dachte ich, das ist eine gute Sache: Da kann ich helfen, wenn die Menschen Glück haben, sind sie auch nicht länger dort als ich, die sind nicht auf der Suche nach Bindung aber Unterstützung ist hier auf jeden Fall gefragt.

Ich suchte also nach Programmen und wurde auch schnell fündig. Allerdings hatte ich ein bisschen Sorge, als trans* Person möchte ich in meiner Geschlechtsidentität respektiert werden von der Organisation, für die ich arbeite und natürlich auch von Anleiter*innen und eventuellen anderen Freiwilligen. Also fragte ich nach, ob meine Identität ein Problem wäre. Leider erhielt ich die Antwort: „Ja, könnte schon schwierig werden.“ Vor allen Dingen wegen der Unterbringung der Freiwilligen, es gibt keine Einzelzimmer, Gemeinschaftsduschen, usw. Aaaaber….

Die Person, die mir antwortete, erzählte mir von Emántes: Eine Organisation, die sich um LGBTQIA+ Geflüchtete kümmert! „Super!“, dachte ich, „da hab ich Lust drauf!“ Ich weiß, wie gut es mir tut, wenn Fachkräfte, die mir helfen, selbst lgbtqia+ sind, wie viel sicherer ich mich fühle. Das könnte ich weitergeben! Also schrieb ich der Organisation eine E-Mail und schon nach wenigen Tagen trafen wir uns Online. Emántes ist eine sehr kleine Organisation, die zwar viele freiwillige Helfer*innen hat, aber alle sind aus der Gegend, üblicherweise helfen sie, wie wir Ehrenämter kennen: Ein paar Stunden pro Woche, mal bei einem Event, etc. Einen Freiwilligendienst, das hatten sie bisher nicht. Dass ich Sozialarbeiter* bin, also eine Ausbildung im passenden Bereich habe, hat die Sache natürlich einfacher gemacht, denn eine Anleitung wie in einem FSJ oder so, das kann Emántes nicht anbieten. Außerdem haben wir, obwohl wir uns einige Monate bemüht haben, leider keine Möglichkeit gefunden, wie mein Aufenthalt bezahlt werden könnte – wie die meisten NGOs ist auch Emántes chronisch unterfinanziert und sie haben ja gar nicht mit einem Freiwilligen gerechnet, die meisten EU-Freiwilligenprogramme haben viele Kriterien für Organisationen, die Freiwillige beschäftigen und außerdem lange Fristen für Bewerbung und Genehmigung. Aber ich wollte so gerne dort mitarbeiten!

Letzten Endes habe ich einfach ein GoFundMe gestartet und mit meinen Freund*innen und Bekannten geteilt. Vielen lieben Dank an dieser Stelle an alle, die gespendet haben!

Die Spenden zahlen meine Miete und einen der beiden Flüge, den anderen, meine Auslandskrankenversicherung und Verpflegung zahle ich selbst von meinen Ersparnissen, die ich glücklicherweise in den letzten Jahren hierfür sammeln konnte. Dafür bin ich aber ein bisschen freier als viele andere Freiwillige und habe mir z. B. schon zwei Mal einen Tag frei genommen, um ans Meer zu fahren. Und außerdem sind meine Aufgaben bei Emántes viel mehr die eines Sozialarbeiters* als die eines Freiwilligen, was ich sehr genieße, da es mir noch mehr Einblicke in das Leben in Griechenland, die LGBTQIA+ Community und auch die Unterstützung für Geflüchtete bietet.

Hier seht ihr mich im Büro, wie ich die Datenbank für die Essensspende aktualisiere.

Ich lebe in einem Haus der deutschen evangelischen Kirche in Griechenland, die Zimmer für Freiwillige und Sprachschüler*innen anbieten. Dort gibt es eine Gemeinschaftsküche, ein Bad, ein Wohnzimmer und eine tolle Dachterrasse, sowie eben ein Zimmer für mich und 3 weitere Einzelzimmer. Als ich ankam lebten dort 2 Sprachschüler*innen, aktuell bin ich alleine dort, aber im September kommt wahrscheinlich wieder jemand. Und das Beste ist: Meine Unterkunft ist nur 15 Minuten zu Fuß vom Büro von Emántes weg!

Meine Zeit hier genieße ich sehr. Athen ist eine wunderschöne Stadt, die LGBTQIA+ Community hier hat mich sehr herzlich empfangen und unterstützt dabei, eine gute Zeit zu haben und ich genieße es unglaublich, in einem Team zu arbeiten, in dem alle Fachkräfte teil der Community sind. Dabei auch noch andere queere Menschen, vor allem trans* Personen zu unterstützen, finde ich großartig. Unsere Klient*innen finden es auch super, dass ich trans* bin und daher viele ihrer Probleme und Anliegen auch auf einer persönlichen Ebene verstehen kann. Ich genieße es ganz besonders, Klient*innen dabei zu unterstützen, das richtige Label für ihr Gender im westlichen Kontext zu finden, sich auszuprobieren und zu sich selbst zu finden, z. B. wenn sie das erste Mal Make-up tragen oder andere Klamotten-Stile testen. Aber auch den Austausch mit denjenigen, die schon in ihrem Herkunftsland die für sie passende Geschlechtsidentität gefunden haben und/ oder schon länger hier sind, finde ich sehr bereichernd: Geschichten darüber, wann und wie sie herausgefunden haben, dass sie trans* sind und über den Umgang damit bzw. die Situation von trans* Menschen in anderen Ländern, aber auch aktuelle Gedanken, Sorgen und Wünsche, z. B. bezüglich geschlechtsangleichender Maßnahmen, Passing, das gute Gefühl, auf der Straße von Fremden richtig gegendert zu werden und vieles mehr.

Ganz bald werde ich euch genaueres über Emántes als Organisation berichten. So viel schon im Vorfeld: Sie leisten großartige und dringend notwendige Arbeit! Wenn ihr sie unterstützen wollt oder schon mal selbst mehr über sie rausfinden, verlinke ich euch hier die Website, den Instagram Account und Spendenmöglichkeiten:

https://www.emantes.com

Instagram: @emantes_lgbtqia_solidarity

IBAN: GR4701720520005052092825947

Paypal: paypal.me/emantes

Von vielfaltundliebe

Wir sind ein demokratisch gewähltes Team aus Mitgliedern der Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens (J-GCL), die hier und auf unserem Instagram-Account @vielfalt.liebe Mitglieder und andere Interessierte zu Themen rund um Vielfalt und Liebe informieren.
Informationen zu unseren Verbänden findest du unter www.j-gcl.org.

Wir werden immer für 1 Jahr gewählt.
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ViLi 2022: France, Lina, Rewe, Veronika, Zoe

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