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Disability Pride Month – Der Monat der Behindertenrechtsbewegung

Pride und Pride Month, auf Deutsch „Stolz“ und „stolzer Monat“, sind Begriffe, die viele von uns inzwischen relativ gut kennen, allerdings nur aus einem ganz bestimmten Kontext: Der LGBTQIA+ Bewegung. Die hat ihren „Pride Month“ im Juni und in diesem Monat gibt es viele verschiedene Angebote verschiedenster Organisationen, um für Sichtbarkeit und Rechte von schwulen, lesbischen, bi- oder pansexuellen, trans*, inter*, agender, aromantischen und asexuellen Menschen einzutreten.
Viele Firmen holen sich in diesem Monat einen Regenbogen, das Zeichen der LGBTQIA+-Bewegung, in ihr Firmenlogo und bieten Rabatte, Sondereditionen und Ähnliches an, um aus dem „Pride Month“ Profit zu schlagen und sich als sympathisch und lgbtqia+-freundlich zu präsentieren – die wenigsten sind das tatsächlich.
In vielen Städten finden Demonstrationen und Kundgebungen von queeren/ lgbtqia+-Personen und ihren Freund*innen und Unterstützter*innen statt, die auch ein Feiern, ein selbstbewusstes, stolzes Zeigen dieser Identitäten beinhalten, oft unter dem Label „Christopher Street Day“ (CSD). In Deutschland sind viele dieser Veranstaltungen auch erst im Juli, weil die Kultur des „Pride Month“ aus den USA kommt und hier nicht so verbreitet ist.

Das ist ein bisschen schade, denn in den USA gibt es im Juli noch einen anderen „Pride Month“: Den Disability Pride Month, also den Monat der Behindertenrechtsbewegung. 2015 wurde er das erste Mal in New York ins Leben gerufen, zur Feier des 25-jährigen Bestehens des „Americans with Disabilities Act“, also des Gesetzes gegen die Diskriminierung behinderter US-Amerikaner*innen.

Demontration zum Disability Pride Month, auf den Schildern im Vordergrund steht „Access for all“, also „Zugang für alle“ und „Art beyond sight“ also „Kunst jenseits des Sichtbaren“

In Deutschland gibt es selbstverständlich auch eine aktive Behindertenrechtsbewegung, die in den 1970er Jahren begann und – ähnlich wie andere Anti-Diskriminierungsbewegungen auch – vor allem für die Selbstbestimmung behinderter Menschen eintritt. Dazu gehört beispielsweise, dass die Gesellschaft, in unserem Fall Kranken- oder Pflegekassen, Hilfsmittel und Assistenzkräfte oder Assistenztiere, sowie deren Ausbildung bezahlt, damit behinderte Menschen „normal“ am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können: Alleine oder in einer WG mit Freund*innen wohnen, statt in einem Pflegeheim, eine Arbeit haben, die fair bezahlt wird, statt in den sogenannten „Behindertenwerkstätten“ ausgebeutet zu werden“, Studieren oder zur Schule gehen, Essen gehen, ins Kino, auf Konzerte, in Clubs, ins Museum…
Einigen behinderten Menschen würde dafür schon eine barrierefreie bzw. „zugängliche“ Umgebung reichen, also etwa Rampen für Rollstühle und Menschen mit Gehbeeinträchtigungen, Blindenleitsysteme, Gebärdendolmetscher*innen oder Ähnliches. Viele Organisationen und Orte in Deutschland haben das immer noch nicht, obwohl unserer Regierung 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben hat und damit eigentlich dazu verpflichtet ist.

Das fällt den Menschen, die keine Behinderung haben, oft nicht auf. Genau wie heterosexuelle Menschen und cis Menschen oft nicht sehen können, wo und wie queere Menschen ausgeschlossen werden und weiße Menschen nicht sehen, wo BiPoC (Black, indigenous, People of Color, also Schwarze, indigene und Personen of Color, Menschen, die Rassismus erleben) ausgeschlossen werden. „Uns“, der Mehrheit, fällt oft nicht einmal auf, dass „die“, eine diskriminierte Gruppe, „nicht da“ sind. „Die“, die „nicht normal“ sind, „nicht wie wir“, obwohl eine behinderte Person genauso viel mit mir gemeinsam hat, wie eine nicht-behinderte und sich in genauso vielen Dingen von mir unterscheidet – alle Menschen sind verschieden. Wir denken dann „davon gibt´s halt nicht so viele“, „die interessiert das Thema halt nicht“ oder, speziell im Fall von Behinderung: „die können das halt nicht“.
Und obwohl das natürlich für einige behinderte Menschen stimmt, fragen wir uns nicht, was wir tun können, damit „die“ es eben doch „können“, welche Unterstützung es dafür bräuchte. Das ist Diskriminierung, die wir verinnerlicht haben, die uns anerzogen wurde, mensch sagt auch „internalisiert“. Und Diskriminierung gegen behinderte Menschen heißt Behindertenfeindlichkeit oder Ableismus. Die fängt natürlich schon beim Wort an: „behindert“ wird von den meisten Menschen als Schimpfwort benutzt. Als Begriff für „doof“, „scheiße“, „schlecht“, „dumm“… „Bist du behindert?“
Das müssen wir dringend ändern! Denn was, wenn das Gegenüber sagt „ja, und?“ „Behindert“ ist nichts Schlechtes, genauso wenig wie „schwul“ oder sonstige Identitätskategorien. Es ist auch nicht das Gegenteil von „gesund“. Es ist eine neutrale Beschreibung einer Person. Leute sind eben weiß oder Schwarz, dick oder dünn, groß oder klein, lesbisch oder hetero, trans oder cis, behindert oder nicht-behindert.

Das ist, zugegeben, schwierig zu lernen und braucht eine Weile. Auch für behinderte Menschen, denn die wachsen ja in der selben Welt auf wie nicht-behinderte und lernen, dass das was „Schlimmes“, ein Tabu ist, etwas, das Mitleid erregt. Und ja, wenn ein Mensch Schmerzen hat, Operationen braucht oder an einer Veranstaltung nicht teilnehmen kann, dann hat er vielleicht unser Mitleid verdient – aber nicht für seine gesamte Existenz. Denn ob jemensch glücklich ist oder nicht, hängt vor allem damit zusammen, ob der Mensch selbstbestimmt leben kann, also eben an all die Orte gehen, wo er*sie gerade hin möchte und nicht hingehen, wenn er*sie nicht möchte – und nicht davon, ob mensch eine Behinderung hat.

Und deswegen ist der Disability Pride Month so wichtig! Damit alle Menschen lernen, verschiedene Arten von Behinderungen zu sehen und mitzudenken und dass eine Behinderung nichts ist, für das mensch sich schämen muss! Im Gegenteil, „out and proud“, also geoutet und stolz, sollten auch behinderte Menschen ihre Identität feiern und mit ihren Forderungen bei der Mehrheitsgesellschaft Gehör finden. Damit für uns alle die Welt ein bisschen bunter wird und weniger Menschen ausgeschlossen werden.

Also wenn du keine Behinderung hast, dann nutze den Disability Pride Month um:

  • dich über die Lebensrealitäten behinderter Menschen zu informieren und zwar am besten durch behinderte Menschen selbst – „mit“ statt „über“ Menschen reden, behinderte Influencer*innen und Aktivist*innen findest du über die Suchmaschine deines Vertrauens und auf allen Social Media Kanälen
  • deine Sprache weniger ableistisch zu machen, z. B. das Wort „behindert“ nicht mehr als Beleidigung zu verwenden, Selbstbezeichnungen zu verwenden (z. B. gehörlos, Gebärdensprache,
  • die Orte, an denen du dich gerne bzw. oft aufhältst, auf ihre Zugänglichkeit für verschiedene Formen der Behinderung und Beeinträchtigung zu überprüfen
  • zu gucken, wo du vielleicht mithelfen kannst, um Orte/ Veranstaltungen zugänglicher zu machen
  • mit behinderten Menschen in Kontakt zu kommen, unabhängig von ihrer Behinderung, zum Beispiel weil sie die gleichen Hobbys haben wie du, im gleichen Viertel leben, etc.
  • anderen deine Ideen mitzuteilen, wie wir unsere Gesellschaft weniger behindertenfeindlich gestalten können!

Ein paar Informationen zu behinderten Menschen in Deutschland:

  • Es gibt ca. 7,9 Menschen mit Schwerbehinderung in Deutschland, also fast 10% der Bevölkerung!
  • viele andere Formen der Behinderung werden nicht statistisch erfasst!
  • viele Formen der Behinderung sind nicht sichtbar oder dir nicht bekannt!
  • Behinderungen und Fähigkeiten verändern sich und sind abhängig von der Tagesform! Auch bei nicht-behinderten Menschen natürlich. Nicht jede Person braucht ihren Rollstuhl jeden Tag und oft erleben Menschen Anfeindung dafür oder das Gegenteil, übertriebene „Bewunderung“, die nur verletzend ist, denn es reduziert die Menschen auf ihre Behinderung.
  • Behinderungen können verschiedene Bereiche betreffen, z. B.:
  • die Mobilität/ Beweglichkeit, eine Person braucht vielleicht (manchmal) einen Gehstock, Krücken, einen Rollstuhl oder andere Hilfsmittel oder macht grundsätzlich recht kleine Schritte, geht langsam, tut sich vielleicht schwer, das Gleichgewicht zu halten. Eine andere Person kann vielleicht keine Gegenstände in der Hand halten, nicht (lange) stehen, sich nicht bücken, oder ihre Arme nicht heben.
  • die visuelle Wahrnehmung, Menschen können gar nicht sehen (blind), nur sehr wenig (sehbehindert), keine Farben, oder ähnliches
  • die auditive Wahrnehmung, also das Hören, diese Menschen sind gehörlos oder schwerhörend, auch wenn einige von ihnen vielleicht durch Implantate oder Hörgeräte hören können, wollen das nicht alle immer. Gehörlose haben ihre eigenen Sprachen, Gebärdensprachen, z. B. die Deutsche Gebärdensprache oder die US-Amerikanische Gebärdensprache
  • andere Sinne, wie von Geruchs- oder Geschmackssinn, etc.
  • die Neurologie, also das Nervensystem, beispielsweise bei Menschen mit Multipler Sklerose, Tourette Syndrom, Epilepsie, ADS, ADHS oder Autismus
  • die Sprachfähigkeit, sowohl im Sinne des „Produzierens“ von Sprache im Gehirn, also Gedanken in Form einer Sprache (gesprochen oder gebärdet) zu formulieren, als auch im Sinne des Sprechens, was also bedeuten kann, dass Schreiben und Lesen keine Probleme bereitet
  • die Fähigkeit zu Lernen, hier spricht man von „Lernbehinderung“, was bedeuten kann, dass die betroffene Person mehr Unterstützung braucht, um z. B. Texte zu verstehen, sich neues Wissen anzueignen, aber auch ihre Bedürfnisse zu kommunizieren usw. Hierfür gibt es die sogenannte „Leichte Sprache“, die es Menschen mit Lernschwierigkeiten leichter machen soll, Texte auf Homepages, Schildern oder so zu verstehen
  • andere Bereiche oder mehrere davon, z. B. chronische Krankheiten wie Asthma oder Fatigue, was viele von euch vielleicht seit der Pandemie kennen, denn dieses chronische Erschöpfungssyndrom tritt bei vielen Long Covid-Patient*innen auf
  • Einige Menschen haben mehrere Behinderungen gleichzeitig und viele Behinderungen betreffen mehrere Bereiche gleichzeitig
  • Behinderungen sind, wie alle anderen Identitätsmerkmale auch, natürlich bei jeder Person unterschiedlich stark ausgeprägt und eine bestimmte Diagnose beeinträchtigt das Leben der einen Person vielleicht kaum und das einer anderen sehr, auch weil Menschen z. B. Medikamente unterschiedlich gut vertragen und andere Diskriminierungsformen (Sexismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit) sich mit der Behinderung gegenseitig beeinflussen.

Leute, die ihr euch auf jeden Fall angucken sollten, weil sie tollen Aktivismus zu Behinderung machen:

Raul Krauthausen
Autor, Moderator und Medienmacher, außerdem Inklusionsaktivist.

Minzgespinst
Kollektiv das über Autismus und Behinderung aufklärt

https://minzgespinst.net

Carl Josef
Teenager Comedian

https://www.carl-josef.de

Leeroy Matata

Ehemaliger Profi-Basketballer, der verschiedenste Menschen interviewt und ihre Lebensumstände zeigt

https://leeroymatata.de

Artikel geschrieben von Rewan (weiß, nicht-behindert, trans*)

Quellen:

https://nullbarriere.de/schwerbehinderung-statistik.htm#:~:text=7%2C9%20Millionen%20schwerbehinderte%20Menschen%20leben%20in%20Deutschland&text=Der%20Anteil%20der%20schwerbehinderten%20Menschen,49%2C6%20%25%20waren%20Frauen.

https://sonderpaedagoge.quibbling.de/geschichte/wiki/index.php%3Ftitle=Krüppelbewegung.html#Die_Entstehung_der_.22Kr.C3.BCppelbewegung.22_1970_-_1981

https://www.spiegel.de/panorama/disability-pride-wie-menschen-mit-behinderung-fuer-mehr-sichtbarkeit-kaempfen-a-a6e8485e-ce07-402d-8543-c089151b69ae

https://duckduckgo.com/?q=disablitiy+pride&t=opera&iax=images&ia=images&iai=https%3A%2F%2Fimages.fineartamerica.com%2Fimages%2Fartworkimages%2Fmediumlarge%2F1%2F4-disability-pride-parade-nyc-2016-robert-ullmann.jpg

https://www.schwerbehindertenausweis.de/behinderung/die-merkzeichen

https://www.gehoerlosen-bund.de/sachthemen/statistik%20der%20gehörlosen%20menschen

https://www.talentplus.de/in-beschaeftigung/was-ist-behinderung/behinderungsarten/index.html

Von vielfaltundliebe

Wir sind ein demokratisch gewähltes Team aus Mitgliedern der Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens (J-GCL), die hier und auf unserem Instagram-Account @vielfalt.liebe Mitglieder und andere Interessierte zu Themen rund um Vielfalt und Liebe informieren.
Informationen zu unseren Verbänden findest du unter www.j-gcl.org.

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