Kategorien
Rassismus

Liebe und Rassismus 2

Hier kommt der zweite Teil unserer Reihe „Wie beeinflusst Rassismus das Liebesleben von BiPoC. Im ersten Teil werden Begriffe erklärt und das Buch der Schwarzen Deutschen Alice Hasters vorgestellt, die dem Thema „Beziehungen und Rassismus“ ein Kapitel gewidmet und mich damit auf die Idee für diese Reihe gebracht hat. Den Artikel findet ihr hier:

https://vielfalt-liebe.j-gcl.org/wp-admin/post.php?post=157&action=edit

Viel Spaß mit den Interviews von Miri, Leyla und Andy!

Interview 4, Miri, non-binary, iranischer Vater

via Chat

Relevante Selbstbezeichnungen für Dating & Beziehungen:
Gender: non-binary
Beziehungsmodell: nicht-hierarchische nicht-monogamie; gender-punk
Migrationshintergrund: iranischer Vater, erst mit 28 Jahren kennengelernt;
bin aus Österreich in die Schweiz eingewandert ich spreche
kein Schweizerdeutsch und kann in der Schweiz nicht wählen.
Ich müsste den Österreichischen Pass abgeben um den Schweizerischen
zu bekommen und noch dazu meine Steuerschulden erst beglichen haben.
sexuelle Orientierung: eine schwach ausgeprägte Präferenz gegen nicht bisexuelle (pansexuell o.ä.) Cis-Männer

Rassismuseinfluss auf meine Beziehungs & Datingleben?
Wie ich verstehe wenig, da mir mein Hintergrund nicht angesehen wird (aka Passing)
Wobei ich bald im Kennenlernen darüber zu sprechen anfange, da dieses Thema derzeit eine hohe Wichtigkeit für mich hat.
Schade finde ich das fehlende Interesse am Thema. Manchmal wünsche ich mir ich würde nicht passen, aber es wäre vermutlich auch anders painful.
Ich bin noch stark auf der Suche nach diesen Anteilen in mir und es ist sehr verwirrend, da ich ja fühle keine Wurzeln zu haben, außer meine Sprache (Hochösterreichisch)

„Passing“ bedeutet, dass ein Mensch „als etwas durchgeht“, also dass eine Identität von anderen Menschen gesehen oder eben nicht gesehen wird. Viele BiPoC haben ein „white passing“, werden also von anderen Menschen nicht als BiPoC erkannt, hierauf spielt Miri in diesem Fall an. Dieses Konzept gibt es auch bei anderen Diskriminierungsformen, z. B. bei Trans*Personen. Viele (aber nicht alle) Trans*Männer möchten beispielsweise gern ein männliches Passing, also von Menschen, die ihnen im Alltag begegnen, als Mann gesehen werden. Ein white Passing kann vor Rassismus schützen, aber zu Ausschluss führen und verletzend sein. [Erklärung von Rewe]


Was am Dating mit weißen Menschen nerven kann?
Teilweise fehlendes Verständnis für die Privilegien. Es tut ja auch ordentlich weh zu sehen, dass ein eigener (eventuellnicht mal bewusst wahrgenommener) Vorteil an der Benachteiligung von Anderen hängt.
White-Centric Worldview: zu wenig Klarheit darüber, dass es eben nicht „einfach so ist“, oder „überall so wäre“.
In jedem Fall doof wenn wenig Reflektiert wird, oder beim Ansprechen kein Umdenken stattfindet.

Was prima daran ist weiße Menschen zu daten?
Keine Ahnung, ich habe bisher wenig Erfahrung damit BIPOC zu daten (genau 2), das beschäftigt mich und es ist verwirrend und traurig so ein wenig diverses Umfeld zu haben, working on it. Mir fällt akut nichts ein, dass ich toll daran finde….

Unterschiede weiße Menschen vs BIPOC dating?
 Bisher habe ich nur Erfahrungen mit Dates mit 2 solchen Menschen.
 Ich hatte einmal 5-6 Dates mit einer Person of Color und diese Frau wollte mich dann nicht weiter Daten, als ich einmal nicht „stereotypisch“ cis-männliche Genderexpression („Frauenkleider anziehen“) performen wollte.
 „I’m a normal girl and I want a normal relationship.“

Was weiße Partner*innen nicht tun sollten?
Im Reflektionsmangel verharren, wenn etwas über White-Privilege
angesprochen wird. Generalisierungen und anderer stereotypischer Kack-Scheiss.

Was ich mir konkret von ihnen wünsche?
onD’t be a White-hole. Wir weisen einander hin, wenn wir Mist bauen, das gilt in alle Richtungen.

Welche Fragen sollten weiße Menschen ihren BiPoC Partner*innen stellen bzw. auf keinen Fall stellen?
Educate yourself. Klären wie das mit der Mental load so ist und dann einfach von Fall zu fall sehen was besprochen / erkundet werden will.

Wie überschneidet sich Rassismus mit anderen Diskriminierungsformen, die ich erlebe?
Denke es ist ein fehlendes Wissen und eine falsche Scham damit umzugehen. Manchmal ist es einfach auch nur unverschämte Neugier, die Empathie vermissen lässt.

Vielen lieben Dank für deine Zeit, liebe*r Miri, wirklich spannend, deine Antworten!

Interview 5, Leyla, weiblich, heterosexuell, aus der türkischen Diaspora in Deutschland

via Sprachnachricht

Welche Selbstbezeichnungen sind für deine Identität im Rahmen von Dating und Beziehungen relevant?

Ich bin eine heterosexuelle Cisfrau und ich bin ein Kind der türkischen Diaspora in Deutschland.

Welchen Einfluss hat Rassismus auf deine Beziehungen und dein Datingleben?

Ich hätte glaube ich vor ein paar Monaten gesagt, dass Rassismus auf meine Beziehungen und mein Datingleben gar keinen Einfluss hat, aber mir aufgefallen… Also ich hab mit meinem Freund zusammen gewohnt und mir ist schon aufgefallen, was für krasse Auseinandersetzungen wir hatten. Wie er auch angefangen hat, Sachen zu kritisieren, die für mich nicht kritikwürdig waren, wie zum Beispiel, dass ich oft im türkischen Supermarkt einkaufen gehe oder dass ich sehr oft türkische Speisen vorbereite. Das waren immer so Kommentare, die ich jetzt einfach auch als rassistisch deuten kann. In dem Moment hab ich mich einfach auch schlecht gefühlt, oder so gefühlt, als wäre ich nicht gut genug, weil ich ja immer im türkischen Supermarkt einkaufe.
Und tatsächlich, dass meine Beziehung zu meinen Eltern oder zu meinen Verwandten auch oft zur Sprache kam, also dass ich ein zu inniges Verhältnis habe oder dass ich zu sehr auf meine Eltern immer noch höre und dass das ja kulturell bedingt wäre. Viele meiner Probleme wurden so kulturalisiert und das hat auf jeden Fall auch was mit Rassismus zu tun. Also quasi jedes Gespräch mit meiner Mutter oder Sachen die ich meiner Mutter oder meinem Vater verheimlicht habe, wurden so abgetan als wäre die Kultur daran Schuld und nicht primär das Verhältnis, das zwischen uns herrscht.

Was nervt am meisten daran, weiße Menschen zu daten oder mit ihnen Beziehungen zu führen?

Also ich kann das tatsächlich nicht so pauschalisieren, aber was mich super nervt an diesen weißen deutschen Dorfmännern ist dieser Lokalpatriotismus. Also so… Wie deren Bräuche, „und hier Maibaum“, „und da Fest“, „und da Fest“ und dass die sich alle gegenseitig so – ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll – so diese Traditionen aufrecht erhalten, die völlig durchseucht sind mit toxischer Männlichkeit!
Und oft heißt es dann in unseren woken Kreisen so „ja ist schon echt nicht so geil und so, aber ist halt am Dorf so!“, „Dorf kann man halt nicht ändern!“ und so – diese Argumentationsketten, dass die diesen Lokalpatriotismus und diese Bräuche in ihren Dörfern so hardcore feiern und in der Stadt so auf hier, feministisch, links und whatever machen, aber dann in ihren Dörfern diese ganzen Bräuche mittragen und halt auch oft zu feige sind, mal das Maul aufzumachen und was zu sagen!
Das ist das, was mich echt richtig nervt! Was ich halt auch so scheinheilig finde – da werde ich richtig wütend wieder, wenn ich darüber nachdenke, wie sie manchmal über ihr Dorfleben und ihre Dörfer sinnieren, es halt scheinbar kritisieren, aber insgeheim eigentlich schon echt geil finden, dass sie immer noch auf der Straße im Dorf als „der Sohn von..“ betitelt werden. So insgeheim finden die das ganz schön geil.

Hat es für dich Vorteile, weiße Menschen zu daten?

Ich kann keine Vorteile benennen, so objektive, außer dass ich, wenn ich mal was mit nem weißen Typen hab, der am Dorf lebt, dass ich da mal 3 Tage Bauernlife haben kann – keine Ahnung, so bisschen Natur, dies das.
Ich kann tatsächlich keine „Hard Facts“-Vorteile nennen. Aber innerlich gibt es mir trotzdem oft das Gefühl von Aufwertung. Als wäre ich wirklich auch echt mal langsam Teil dieser Gesellschaft, weil ich einen „deutschen Mann“ habe, so. Und als würde ich dann zu den „guten Migrant*innen“ gehören – wobei ich noch nicht mal eine Migrantin bin. Aber das Gefühl ist so… Ich hab das Gefühl, die Gesellschaft sieht mich dann einfach als „gute Migrantin“, die sich „gut genug angepasst hat“. Jetzt gar nicht so bewusst, aber ich glaube, dieses Gefühl schwingt schon oft mit. Diese „Anerkennung“, die ich dann dadurch erhalte. Also ich weiß, dass es objektiv auf gar keinen Fall so ist, aber ich glaube, subjektiv ist das bei vielen ganz tief drinnen.

Welche Unterschiede erlebst du, wenn du weiße Menschen datest, im Gegensatz dazu, BiPoC zu daten?

Bei dieser Frage ist mir aufgefallen, dass ich kaum BiPoCs date. Das ist sehr schade, aber es ist so. Also ich kann gerade keinen Unterschied benennen, weil ich einfach nie was mit BiPoCs hab.

Was sollte(n) dein*e weiße Partner*in auf keinen Fall tun?

Mein weißer Partner sollte niemals von mir erwarten, dass ich weiß werde oder bin. Weil das bin ich nicht. In jeder meiner Beziehungen oder auch in meinem Datingleben wird es so sein, dass ich ein Kind der Diaspora bin. Das heißt, ich werde viele Bräuche nicht verstehen, nicht kennen, oder ablehnen. Ich werde meine Eigenheiten haben, ich werde meine eigene Sprache haben und ich werde niemals weiß sein, egal wie angepasst ich bin und egal wie sehr ich auch Deutschland liebe und Deutsch liebe und so. Aber ich bin einfach ein Kind der Diaspora.
Ich werde niemals ein Dirndl tragen, ich werde niemals auf Bayerisch sprechen, ja. Ich werde einfach trotzdem immer ein Teil türkisch bleiben. Deswegen glaube ich, sollte mein Partner niemals denken, dass ich ein Teil der Mehrheitsgesellschaft bin.

Was wünschst du dir von weißen Partner*innen konkret?

Das klingt gleich sehr banal, aber, ich wünsche mir, bzw. das wünschen sich wahrscheinlich alle Menschen, die in irgendeiner Art von Beziehung sind… Ich wünsche mir von meinem weißen Partner ganz konkret Verständnis. Und auch ein bisschen Zurückhaltung. Und keine Überheblichkeit.
Verständnis für bestimmte Eigenheiten, die ich mitbringe, die er vielleicht nicht verstehen wird, die für weiße Menschen vielleicht im ersten Moment nicht nachvollziehbar sind. Verständnis für die schlimmen Erfahrungen, die ich auch gemacht habe bezüglich Rassismus.
Zurückhaltung, weil Rassismus, wenn man ein binationales Paar ist, immer eine Rolle spielt. Und ich würde mir eben wünschen, dass Privilegien zurückgehalten werden, oder nicht so sehr aufgespielt werden. Ja, also so ein bisschen Zurückhaltung, Verständnis… und auch ein bisschen kulturellen Background.
Und ich würde mir auch wünschen, dass er so ein paar Wörter Türkisch lernt! Weißt du, so ein paar Sachen sagt und so ein bisschen Sachen versteht, wie das so bei uns, bei meinen Eltern oder in der Community läuft und sich da so ein Stück weit anpasst. Das würde ich schon extrem feiern! Ist bisher leider noch nie vorgekommen.

Welche Fragen sollten weiße Menschen Partner*innen mit Rassismuserfahrung stellen? Welche nicht?

Ich glaube ein Partner, mit dem ich in einer Liebesbeziehung bin, also schon einen gewissen Grad an Bindung habe, darf mich eigentlich alles fragen, solange es authentisch ist. In dem Moment, wo es aber irgendwie boshaft oder rassistisch, also bewusst rassistisch wird, dann natürlich nicht. Ich bin da aber eigentlich relativ offen, wenn ich dieser Person vertraue, dass mir Fragen nur gestellt werden, weil sie einfach ehrliches Interesse sind.

Wie überschneidet sich Rassismus mit anderen Diskriminierungsformen, die du erlebst?

Also in meiner letzten Beziehung war es so, dass mein Freund – also mein Exfreund – nicht nur weiß war, sondern auch viel wohlhabender als ich, also er hatte mehr finanzielle Ressourcen.
Da hat auf einmal Klasse auch eine große Rolle gespielt. Also er war zwar auch ein Arbeiterkind und so, aber die Eltern halt selbstständig und viel Geld und ich war so „hm…“… Mir war es halt einfach immer sehr wichtig, überhaupt gar kein Geld von meinen Eltern zu bekommen, weil mir das einfach eine Art von Freiheit gibt. Da kam es auch schon zu großen Auseinandersetzungen bezüglich Geld. Also da hab ich das auch noch mal gemerkt, dass so die Kombination „Migrantin“ mit wenig Geld – also ich bin keine Migrantin, aber ich werde als „Mensch mit Migrationshintergrund“ gelesen.
Also dass das in Kombination mit wenig Geld schon zu Konflikten führen kann in Beziehungen, weil dann so Streitigkeiten aufkommen, wie, warum ich mir nicht irgendwie ein Fahrrad für 1000€ gönne. Und ich sag halt immer so „ja, ich hab zwar das Geld, aber ich würde es halt gerne noch ein bisschen Aufsparen, weil man weiß ja nie, was kommt.“
Wir haben auch Streitigkeiten geführt, weil er mir immer mal wieder Geld leihen wollte oder auslegen wollte und ich das so vehement abgelehnt hab. Das hat sich in meiner letzten Beziehung sehr stark überschnitten.

Liebe Leyla, vielen Dank für deine ausführlichen Antworten und das Teilen deiner Erfahrungen!

Interview 6, Andrea, 29, Schwarze Erzieherin und Anti-Rassismus-Influencerin

Welche Selbstbezeichnungen sind für deine Identität im Rahmen von Dating und Beziehungen relevant? (z. B. sexuelle Orientierung, Geschlecht/ Gender, Behinderung, Rassismuserfahrung, Migrationshintergrund, Beziehungsmodell)

Andrea, 29, Schwarz – oder afrodeutsch, beides eigentlich, aber ich sag immer Schwarz – Cis-Frau, hetero,  curvy. Behinderung… ja ich hatte vor Jahren mal einen Unfall gehabt und demensprechend… meine Beine, aber das sieht man nicht direkt, also… man sieht meine Narben an meinem Körper… Das sind so… Meine „Makel“ in Anführungsstrichen.

Welchen Einfluss hat Rassismus auf deine Beziehungen und dein Datingleben?

Rassismus hat da sehr sehr viel Einfluss auf mein Datingleben, weil gerade in Apps die Bio und diese Punkte durchgeguckt werden: „Woher kommst du?“, ist dann die erste Frage. Man wird dann hypersexualisiert, man wird auf das Äußere reduziert. Ja ich bin curvy, hab ne große Oberweite und halt auch ein Popöchen, und dann ist das halt direkt „ah, oh mein Gott“ und „mmmh“ und dann wird das exotisiert und dann sieht man aus wie eine Frucht.
 Also man hat sehr viel in der Richtung Rassismus-Erfahrungen. Man lebt mit den Vorurteilen und als Schwarze Cis-Frau höre ich die dann. „Ja Schwarze Frauen sind das, können das, sehen so aus…“  Das sind diese ganzen Bilder, die aus der Kolonialzeit stammen: Es ist immer noch da und es ist sehr tief verankert und dann hast du dicke Lippen oder so.
Oder ja man wird einfach angegrabscht, wenn man nicht möchte, man wird einfach schon so angeschrieben, weil man davon ausgeht, dass man halt mit jedem ins Bett gehen würde, halt das Motto „billig, will ich“, so. Oder wenn man auch das Thema Rassismus anspricht, dann wird das so runtergebuttert „gibt´s nicht“, „stell dich nicht so an“ und so.

Was nervt am meisten daran, weiße Menschen zu daten oder mit ihnen Beziehungen zu führen?

Ich hab noch nie mit einer weißen Person eine Beziehung geführt. Es reichen mir aber die Gespräche beim Daten. Also bzw. ich hab jetzt auch nicht so viel Datingerfahrung, weil die Erfahrungen, die ich gemacht habe – die zeichnen natürlich auch jemanden.
Die Sachen die ich davor genannt habe, dass man halt anders angesprochen wird als eine weiße Person, vielleicht  fängt es schon damit an, dass man auf Englisch angesprochen wird. Dass Leute sich gar nicht trauen, mich anzusprechen, weil sie denken, dass ich nur auf Schwarze Männer stehe.
 Oder dass man sagt, „würdest du das machen oder dieses?“ Also ich hab immer das Gefühl, es gibt da so ne Art To-Do-Liste und dann muss man die abhaken, weil man hat dann was mit einer Schwarzen Person gehabt. Also die ganzen Vorurteile, die ganzen Stigmas bekommt man draufgestempelt und darauf hab ich einfach keine Lust. Nee. Das ist halt sehr anstrengend.

Hat es für dich Vorteile, weiße Menschen zu daten?

Ich sag mal so, wenn ich nen Menschen date, date ich den Menschen und achte nicht auf die Race*.

Aber aufgrund meiner Marginalisierung – also es ist wirklich sichtbar, dass ich Schwarz bin – ist mir halt bewusst, dass der weiße Mann*, also aufgrund dass er ein Mann* ist, weiß ist, anders privilegiert im Patriarchat, etc. pipapo, dass der ein ganzes Package mit sich bringt und ich auch.
Und ich bin dann halt auch ein bisschen angespannter und warte. Ich sag nicht, dass ich vorurteilsfrei bin – keiner von uns ist das, weil wir einfach rassistisch leben, in der Gesellschaft, wir sind alle wirklich so programmiert. Das heißt, wenn wir dann halt zusammenkommen und reden, dann weiß ich schon durch Gespräche, inwieweit hat er sich informiert, ist er überhaupt offen für die Welt, sieht er das, was ich auch sehe, ist das Thema oder nicht. So kann ich sozusagen auch noch mal für mich gucken, man hat einfach diesen Vergleich und guckt, gibt´s da Gemeinsamkeiten, gibt´s da keine Gemeinsamkeiten. Das kann ich also gar nicht so pauschal sagen, weil das wirklich für mich in dem Moment individuell wäre.

*[Erklärung von Rewe: Andrea verwendet hier das englische Wort „Race“. Im Englischen ist die Bedeutung – zumindest für Menschen, die englischsprachig aufgewachsen sind –  ein bisschen anders als die deutsche Übersetzung. Denn im Gegensatz zu vielen Deutschen wissen englischsprachige Menschen, dass es sich dabei um ein soziales Konstrukt handelt, das keine biologische Begründung hat. Es gibt keine Menschen“rassen“, die sich genetisch voneinander unterscheiden, so wie das bei gezüchteten Tieren der Fall ist. Alle Menschen gehören zur gleichen Rasse, aber einige werden so behandelt, als wären sie anders weniger wert – das ist Rassismus.
Genauso wie beispielsweise Gesellschaftsklassen („Unterschicht“, „Mittelschicht“, „Oberschicht“) sind auch die verschiedenen Kategorien, in die Menschen nach rassistischen Denkmustern eingeteilt werden, nur eine Erfindung von Menschen und haben nichts mit Wissenschaft zu tun.
Um Rassismus bekämpfen zu können, ist es aber wichtig für uns, die unterschiedlichen Erfahrungen, die wir machen, benennen zu können und deswegen gibt es Begriffe, um zu beschreiben, dass eine Person im rassistischen System benachteiligt wird, z. B. Schwarz, BiPoC, of Color, Afrodeutsch, etc.
Im Englischen wurden Begriffe wie „Race“ (Oberbegriff für die Positionen in einem rassistischen System) oder auch „mixed“ (Begriff für eine Person mit einem
weißen und einem BiPoC-Elternteil oder auch für eine Beziehung zwischen einer weißen und einer BiPoC-Person) schon weiterentwickelt und nicht mehr rassistisch, im Deutschen ist das noch nicht so weit, weshalb du die Übersetzungen dieser Worte nicht benutzen solltest, um die Identität von BiPoC zu beschreiben. Stattdessen können englische Begriffe benutzt werden oder du kannst von „Rassifizierung“ sprechen und von „Menschen mit unterschiedlicher Rassifizierung“ – bitte auch nicht von „verschiedenen Kulturen“ oder so etwas, denn ob du weiß oder BiPoC bist, sagt selbstverständlich nichts über deine Nationalität, Religion oder Kultur aus, sondern nur etwas darüber, ob du Rassismus erlebst (BiPoC) oder nicht (weiße Menschen erleben zwar u. U. Fremdenfeindlichkeit, aber keinen Rassismus, mehr dazu z. B. bei Tupoka Ogette, der kanakischen Welle oder so gut wie jedem anderen anti-rassistischen Instagram-Account, Youtube-Kanal, Buch oder Artikel.]

Welche Unterschiede erlebst du, wenn du weiße Menschen datest, im Gegensatz dazu, BiPoC zu daten?

Also ein Unterschied zwischen weiß und BiPoc wäre für mich halt vielleicht die gemeinsame Erfahrung, die wir halt teilen aufgrund von rassistischer Diskriminierung. Manche sehen es, manche sehen es nicht, dann kann man sich unterhalten, vielleicht ist man denselben Weg gegangen, aber man hat auch ne ganz andere Familie… Also jede*r von uns. Aber dann hat man mehr verbindende Sachen, weil man mehr Parallelen zueinander sieht, wo man halt sagt „oh, du hast das auch erlebt? Krass, war bei mir genau so!“ „Ey, wusstest du…“ oder „krass, bei dir war das nicht so? Also du hast da keine Rassismuserfahrungen?“
Weil was man nicht vergessen darf, ist halt dieser internalisierte Rassismus. Manche Leute sehen es, manche sehen es nicht und dann gibt´s halt manche Menschen, so wie ich, die dann sagen „ey, guck mal, das gibt es, du hast es auch erlebt!“. Aber wenn man keinen hat, wenn man wirklich so als Schwarze Person zum Beispiel in nem Dorf aufgewachsen ist oder nur mit weißen oder die einzige Person war oder vielleicht zwei oder sonst was, dann nimmt man manche Sachen anders irgendwie auf oder man sagt dann „ja, hat man immer gesagt“ oder „ist ja gar nicht so schlimm“, „das find ich in Ordnung“. Also wo ich mich vielleicht aufrege, regt sich das Gegenüber nicht auf und sagt „oh, das ist voll anstrengend“. Also es sind auch wieder individuelle Erfahrungen. Das ist ja auch das Assimilieren, sich anpassen, obwohl du eine marginalisierte Person bist. Dass du immer noch versuchst, dich „reinzuwaschen“ von deinem Anderssein, sag ich mal so. Den Unterschied gibt es auch. Es heißt nicht, nur weil man Schwarz ist oder BiPoC ist, dass man anders drauf ist, es kann auch in die andere Richtung gehen.

Was sollte(n) dein*e weiße Partner*in auf keinen Fall tun?

Die Frage ist so cool, die finde ich echt toll!
Ich soll kein Joker sein. Ich soll kein „ich teste mal“, „ich mach mal die und die Sachen, weil du ja Schwarz bist“ sein.
Nicht ungefragt meine Haare anfassen! Haare! Ich bin so empfindlich bei Haaren!
Oder vor anderen einfach zu sagen „mach mal, Schatz, komm, twerk mal“ oder „mach sonstiges“ oder „erzähl mal über deine Rassismuserfahrungen!“ Mich bloßzustellen oder zur Schau zu stellen, so von wegen „ach guck mal“… Eyyy, das wäre so fremdschämen, ich würde da richtig wütend werden!

Was wünschst du dir von weißen Partner*innen konkret?

Mein weißer Partner oder Partnerin sollte mich als vollwertig sehen, mich sichtbar machen, mich nicht stigmatisieren, mich verstehen, für mich da sein. Er sollte sich mit meiner Kultur und meiner Ethnie auseinander setzen. Er wird sich aber nie komplett als weiße Person in eine Schwarze Person hineinversetzen können, das ist klar. Aber Support, auf physische, psychische, seelische, mentale Sicht. Er muss offen sein,  das muss klar werden, weil das dann interracial wäre, dass das nicht einfach ist, dass man an seine Grenzen kommt. Aber so funktioniert halt auch echt eine Beziehung. Es muss der Person bewusst sein, dass wir nicht dieselben Erfahrungen haben werden und die auch nicht komplett teilen können.
Wenn es um die Themen Rassismus geht, dann zitiere ich da nichts. Ich mache die Rassismus-Erfahrung, ich bin die marginalisierte Person, nicht mein Partner oder Partnerin. Das muss man einfach akzeptieren und nicht sagen, „naja, also…übertreib mal nicht“, kein Gaslighting machen oder Mansplainen, das würde ich nicht akzeptieren und auch gar nicht als Frage oder als Antwort hören wollen.

Welche Fragen sollten weiße Menschen Partner*innen mit Rassismuserfahrung stellen? Welche nicht?

Ich finde Rassismuserfahrungen – es kommt darauf an, ob man die thematisiert oder nicht. Es fängt vielleicht schon an, wenn man sagen würde, KiTa, Schule, ich bin ja in einer Schule tätig. Da gehen Traumata los!
Ich bin ja immer so ein Mensch, ich sag dann „google es“, „da gibt´s Bücher“, „ich bin nicht dein Google“. Also ich bin da schon radikal, ich bin da komplett raus. Ich mache die Arbeit – jetzt hier allein auf meiner Seite – für Schwarze Menschen, für BiPoC, zum Empowern, Aufzuklären, Mut zu machen, Sichtbar zu machen, etc. Aber ich krieg dafür kein Geld. Es ist freiwillig, die Liebe, die ich einfach habe, mein Wissen, das ich habe und einfach teile.
Also ich würde jetzt keinen Vortrag oder ein Interview halten über anti-Schwarzen Rassismus oder Kolonialismus oder Rassismus in Deutschland, in der Ausbildung, etc. Also man muss schon eine bestimmte Vorkenntnis haben und da punktet man auch bei mir und dann kann man eine normale Unterhaltung führen. Mir ist auch immer wichtig: Wir müssen nicht immer auf einem Nenner sein, wir müssen nicht einer Meinung sein, aber man muss respektvoll und tolerant miteinander umgehen. Du kannst eine Meinung haben, ich kann die Meinung auch haben oder nicht teilen, dann ist auch alles in Ordnung und für mich komplett normal.

Wie überschneidet sich Rassismus mit anderen Diskriminierungsformen, die du erlebst?

Ich muss sagen mit Rassismus… Also wenn man einfach die Geschichte kennt, wie das entstanden ist, dass man der Meinung ist, dass eine andere Race, dass eine andere ethnische Gruppierung oder marginalisierte Person unterlegen oder überlegen sein sollte – ich kann´s mir nicht erklären. Es ist unmenschlich, es ist einfach widerlich, es ist grausam, wenn man weiß, was zum Beispiel mit meinen Vorfahren passiert ist, was mir widerfahren ist…

Keine Diskriminierungserfahrung ist irgendwie gravierender als das andere, aber ich finde einfach vom Rassismus her, wenn ich weiß, woher das kommt, wie es entstanden ist, welche Menschen das gemacht haben, warum die das gemacht haben… Das könnte auch vielleicht als Joke gewesen sein, sonst was, „haha, komm wir teilen jetzt mal auf und machen das“ – aber was durchgeführt wurde, es ist grausam. Also es gibt einen enormen Unterschied, ob ich jemanden diskriminiere oder konkret rassistisch diskriminiere.

Welche Frage sollte in dieses Interview aufgenommen werden? Was möchtest du noch sagen?

Welche Fragen? Also ich wüsste da gern ein paar Dinge… Datingapps, also das ist ja völliges Neuland für mich. Irgendwie Blicke von weißen Menschen, die vielleicht wirklich Interesse haben, dich toll finden oder gut aussehend finden, aber das in diesem Kopf schon drin ist, das ist ja von Generation zu Generation weitergegeben. Das „ach die sind Taugenichtse, mit denen brauchst du nichts anzufangen“, „die sind unrein“ und all das. Ich finde wirklich diese Online-Dating, dieses Treffen, so krass, wie stigmatisiert das auch schon ist.
Und wie ist das überhaupt, Dating in der Corona Zeit, Dating von Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern, würde ich mich fragen.
Ich würde von weißen Menschen gerne wissen: Wie ist es, wenn du eine nicht-weiße Person daten oder mit ihr zusammen kommen würdest? Wie reagiert deine Familie? Also ist dir das wichtig, was dein Umfeld denkt.
Also wenn ich jetzt zum Beispiel eine weiße Person daten oder mit der zusammen kommen würde, wie wäre dann mein Einfluss vom Umfeld aus, also… Wie viel würde es wiegen, mich vielleicht gegen diese Person zu entscheiden, weil die ne andere Race hat. Also das sind so Fragen, die ich mir selber stelle oder die ich auch beobachte.
Oder wie ist es beim Thema – das läuft auch wieder auf das Äußerliche hinaus – wenn man sagen würde, Tanzen gehen, Bewegungen, oder zum Thema Sex, dass man sagen würde „die sind ja alle gut im Bett“ oder dass man die Schwarzen Männer auch von der sexistischen Seite diskriminiert, „boah die ham da alles groß“, „die können alles des und sind super stark“ und so. Ja, das würde ich gerne noch mit aufnehmen.
Und Dankeschön für die Möglichkeit, die du mir gegeben hast! Und bei Fragen bin ich da!

Ja gerne, liebe Andrea, vielen lieben Dank für deine ausführlichen Antworten und auch das Erklären einiger wichtiger Zusammenhänge so ganz nebenbei! Wenn ihr davon mehr wollt, coole Infos und Erklärungen zu geschichtlichen Hintergründen, Empowerment und Einblicke in den Alltag einer Schwarzen Erzieherin, dann schaut euch unbedingt das Profil auf Instagram an, @empowermentbyandy!

Von vielfaltundliebe

Wir sind ein demokratisch gewähltes Team aus Mitgliedern der Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens (J-GCL), die hier und auf unserem Instagram-Account @vielfalt.liebe Mitglieder und andere Interessierte zu Themen rund um Vielfalt und Liebe informieren.
Informationen zu unseren Verbänden findest du unter www.j-gcl.org.

Wir werden immer für 1 Jahr gewählt.
ViLi 2020: Nathalia, Catha, Vicky und Lukas
ViLi 2021: Becky, Rewe, Priya, Zoe
ViLi 2022: France, Lina, Rewe, Veronika, Zoe

Eine Antwort auf „Liebe und Rassismus 2“

Schreibe einen Kommentar zu Rewe Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert