Rewe besuchte am 30.11.2021 den Fachtag zum Afrozensus 2020, einer Studie, die die Lebensrealitäten Schwarzer, afrikanischer & afrodiasporischer Menschen in Deutschland untersucht:
https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/aktuelles/DE/2021/20211130_Afrozensus.html
Fast 6000 Menschen haben teilgenommen. In Deutschland leben ca.1 Million Schwarze, afrikanische & afrodisaporische Menschen. „Afrodiasporisch“ bedeutet, sie selbst oder einige ihrer Vorfahren kommen aus afrikanischen Ländern.
Eine Aufzeichnung der Veranstaltung findest du hier:
https://www.youtube.com/watch?v=fiT5k94TXyA
Warum ist so eine Studie wichtig?
In anderen Studien wird meist nur „Migrationshintergrund“ als Merkmal neben z. B. Geschlecht erfasst. Das bedeutet, dass mindestens 1 Eltern- oder Großelternteil aus einem anderen Land kommt. Also z. B. wenn die Oma einer Person aus Schweden kommt – egal, ob die Person selbst weiß* oder of Color ist. Menschen, deren Großeltern und/oder Eltern afrodeutsch/ Schwarz sind, werden hier dagegen nicht sichtbar. 25% der Teilnehmer*innen am Afrozensus haben keinen Migrationshintergrund (also alle Eltern und Großeltern waren Deutsche).
Die Studie bestätigt die Gefühle und Erfahrungen Schwarzer Menschen, die in Deutschland leben und hilft ihnen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Außerdem hilft sie uns allen als Zivilgesellschaft, Forderungen an die Politik und an Institutionen zu richten, um Rassismus zu bekämpfen.
Wichtig ist, klarzustellen: Rassismus ist ein strukturelles Problem und durchzieht unsere gesamte Gesellschaft. Es ist KEIN individuelles Problem, wenn du betroffen bist, ist nichts falsch mit dir, die Gesellschaft hat ein Problem! Du gehörst zu Deutschland, wenn du hier lebst!
Rassistische Muster, die die Studie bestätigt hat:
Fremdmachung und Fremdverortung (z. B. „geh dahin, wo du hergekommen bist!“/ „du bist nicht deutsch!“)
Hypersexualisierung (also z. B. „Schwarze Menschen sind sooo sexy“ oder auch „ich wollte schon immer mal eine Schwarze Person daten“, „Schwarze Menschen wollen ständig Sex“, Vorstellungen über die Penisgröße o. Ä.)
Kriminalisierung (z. B. werden Schwarze Menschen oft auf der Straße angesprochen, ob sie Drogen verkaufen, grundlos von der Polizei kontrolliert, etc.)
Aberkennen von Kompetenzen (z. B. „du sprichst aber gut deutsch!“ oder die Empfehlung, nicht aufs Gymnasium zu gehen, aber auch das Abwerten von Äußerungen, v. a. zu Rassismus als „emotional“, bis hin zur rassistischen Vorstellung, Schwarze Menschen seien generell dümmer als weiße)
Entindividualisierung und Homogenisisierung (z. B. „ihr Schwarzen seid alle musikalisch/ sportlich!“, was individuelle Talente abwertet, generell das Zuschreiben oder Absprechen von Eigenschaften/ Fähigkeiten aufgrund des Schwarz-Seins, das Sprechen von Afrika, als sei es „ein Land“ statt eines Kontinentes mit 55 verschiedenen Ländern)
Ableugnung und Bagatellisierung (z. B. „das ist doch kein Rassismus!“, „das war nicht so gemeint!“, „du bist aber auch empfindlich!“)
Wenn du eine weiße Person bist und das hier liest: Mach dir Gedanken darüber, wo du selbst in solche Vorurteile, Denkmuster oder Handlungsweisen verfällst. Sag/ denk nicht „nein, das ist mir noch nie passiert“, denn das stimmt nicht. Das passiert uns allen, das ist nicht deine Schuld, aber wenn du es leugnest und nichts änderst, ist es deine Schuld!
Arbeite an dir, z. B. indem du Filme mit Schwarzen Hauptpersonen guckst und Bücher Schwarzer Autor*innen liest und dich mit Anti-Rassismus beschäftigst. Wenn du solche Mechanismen bei anderen beobachtest: Sprich sie darauf an, am besten, wenn ihr unter 4 Augen seid, damit die Person deine Kritik besser aufnehmen kann. Informiere dich über das Konzept von weißer Zerbrechlichkeit (white fragility) und kritischem Weißsein.
Einige Ergebnisse:
Diskriminierungserfahrungen wurden in 14 Lebensbereiche eingeteilt und am häufigsten in Öffentlichkeit und Freizeit, Medien und Internet, sowie Geschäften und bei Dienstleistungen erlebt (jeweils über 80%). Auch im Arbeits- und Privatleben, im Kontakt mit der Polizei, im Bildungssystem, auf dem Wohnungsmarkt, bei Ämtern und Behörden, im Gesundheitssystem, der Justiz, in Kunst und Kultur und von Banken und Versicherungen erlebten Teilnehmer*innen rassistische Diskriminierung. Die niedrigsten Zahlen lagen dabei bei 47%! Also in dem Bereich, in dem es „am besten“ läuft, erlebten nur 47%, immer noch fast die Hälfte, Rassismus!
Frauen*, Trans*Personen, nicht-binäre Menschen und inter* Menschen erlebten zudem – was jedoch nicht weiter überrascht – deutlich mehr Diskriminierung als Männer*, auch wenn diese am häufigsten für kriminell gehalten wurden.
93,9% der Befragten gaben an, schon einmal aus rassistischen Gründen diskriminiert worden zu sein, 91,5% aufgrund ihrer „Hautfarbe“. Mit 52,5% war Geschlecht die dritthäufigste Diskriminierungskategorie, gefolgt von Name, Haaren, Sozialem Status/ Sozialer Herkunft, Sprache, Staatsangehörigkeit, Alter, Religion/ zugeschriebener Religion und Körpergewicht.
47% der Teilnehmer*innen engagieren sich ehrenamtlich, die meisten davon im Sozialen Bereich. Das sind sogar deutlich mehr als in der Gesamtbevölkerung! Ziemlich cool oder?
Leider erleben die Teilnehmer*innen aber auch sehr viel Diskriminierung:
So berichten 2/3, dass ihnen schon mal von Ärzt*innen bei Beschwerden nicht geglaubt wurde (Rassismus führt leider dazu, dass Schwarzen Menschen z. B. weniger geglaubt wird, wenn sie Schmerzen haben, zeigen andere Studien).
Genauso viele, ebenfalls 66% wurden in Schule, Universität oder Ausbildung schon mindestens einmal, viele öfter, schlechter bewertet, als weiße* Peers. Viele sprechen auch an, dass Rassismus in der Schule weniger streng bestraft wird als andere unfaire oder gewaltvolle Verhaltensweisen.
Bei Problemen wie Schulphobien (also Angst vor der Schule), Depression, Suizidalität oder auch Aggressivität kommen diese beiden Systeme, Schule und Gesundheitssystem zusammen: Rassismus wird nicht als Ursache für die Probleme erkannt und es kommt zu Fehldiagnosen und dadurch kann den Kindern oder Jugendlichen nicht geholfen werden.
Das und andere Erfahrungen führen dazu, dass von Rassismus Betroffene kein Vertrauen in staatliche Stellen haben, resignieren und Vorfälle gar nicht melden! Auch, weil viele in der Studie angaben, dass die Diskriminierung sich verschlimmerte, nachdem sie sich beschwert hatten!
Beispiele, die im Rahmen der Studie berichtet wurden:
Eine Schwarze Ärztin wurde im OP-Saal für eine Reinigungskraft gehalten und aufgefordert, endlich mit dem Putzen anzufangen (ein klassisches Beispiel für das Aberkennen von Kompetenzen).
Zwei Geschwister sahen nach dem Haus der Oma, als diese im Urlaub war. Nachbar*innen riefen die Polizei, weil sie sie für Einbrecher*innen hielten! Doch das Absurdeste war, dass die Polizei den beiden nicht glaubte und sich auch nicht einmal von einem Familien-Fotoalbum überzeugen ließ, dass sie die Wahrheit sagten. Erst, als die Oma – eine weiße Person – selbst aussagte, dass die beiden ihre Enkel sind, wurden sie freigelassen!
Die Schwarze Schüler*innen-Vertreterin* Meret Weber berichtete im Bildungs-Panel von Rassismus in der Schule. Im Sozialen Netzwerk TikTok gibt es gerade einen Trend, Schüler*innen berichten vor dem Schild „Schule gegen Rassismus, Schule mit Courage“ über ihre Rassismus-Erfahrungen in der Schule. Oft ist dieses Schild nämlich nur schöner Schein und es wird keine anti-rassistische Arbeit vor Ort gemacht, wie in der Studie sehr oft deutlich wurde.
Was braucht es? Was können wir tun?
Die Ergebnisse der Studie sind für BiPoC und Menschen, die sich schon länger mit dem Thema Rassismus in Deutschland beschäftigen, nicht überraschend. Was wir nach Ansicht der Expert*innen brauchen sind:
- Institutionalisierte Forschung zu Rassismus, Anti-Schwarzem Rassismus und dem Leben von BiPoC in Deutschland, also regelmäßige und gut bezahlte Forschungsmöglichkeiten, z. B. Studiengänge wie „Black Studies“, „Postcolonial Studies“, „Schwarze Geschichte“ oder „Rassismusforschung“ inklusive Stellen für Professor*innen und Studien
- Politische Programme, die sich ausdrücklich gegen Rassismus und zwar in all seinen Formen richten (zu oft wird das in einen Topf geworfen mit der Bekämpfung von Rechtsextremismus, dabei sind ja nicht nur Nazis rassistisch und das Problem von Rassismus viel größer!)
- Beratungsstellen speziell für Anti-Schwarzen Rassismus mit Peer-Counseling (also Beratung durch Menschen, die die gleichen Erfahrungen machen) in mindestens allen Bundesländern
- Therapeut*innen, Lehrer*innen, Schulleiter*innen, Erzieher*innen, Ärzt*innen, Polizist*innen, Anwält*innen, Richter*innen, u. v. m., die selbst Schwarz sind und die Beschwerden Betroffener ernst nehmen und verstehen
- Vorbilder für Schwarze Kinder und Jugendliche, damit sie zu diesen Menschen werden können, antirassistische Kinderbücher, Spielzeug, usw. (z. B. Schwarze Puppen, Lego- und Playmobil-Figuren, Stifte in allen Hautfarben, …)
- Schulmaterialien, die ein realistisches Bild von Afrika als großem Kontinent mit vielen unterschiedlichen Ländern und von afrikanisch gelesenen Menschen als handelnden Subjekten, starken und selbstbestimmten Personen zeigen, die alle Positionen und Aufgaben übernehmen und aus allen Ländern kommen können – so wie es wirklich ist!
- Schulungen für weiße Fachkräfte, damit diese rassismus-sensibel werden und weiße Kinder anti-rassistisch bilden können
- Empowerment und Räume für Schwarze und BiPoC Kinder und Jugendliche in der außerschulischen Jugendarbeit, wo sie sich über ihre Erfahrungen austauschen und Strategien gegen Rassismus entwickeln können
- Empowerment und Räume für Schwarze Erwachsene, wo sie sich vernetzen, austauschen und unterstützen können.
Ergebnisse der Studie zeigen, dass junge Schwarze Menschen sich gegenseitig viel helfen und unterstützen können, zB durch das Teilen von empowernden Texten, Büchern, Filmen, Songs und Videos, also solchen in denen Rassismus thematisiert und/ oder Schwarz sein gefeiert wird. Vernetzung und Raum dafür sind also super wichtig! Wo kannst du dich vernetzen?
Wie kannst du als weiße Person dazu beitragen, dass Vernetzung möglich ist? (Z. B. Als Lehrer*in/ Elternteil/ Jugendleiter*in Räume für BiPoC zur Verfügung stellen, wo sie unter sich sein können?)
Möglichkeiten für Vernetzung und empowerment für Schwarze Deutsche und Schwarze Menschen in Deutschland findest du z. B. bei der Initative Schwarze Menschen in Deutschland
bei den Afrokids Deutschland
oder bei Anti-Rassismustrainer*innen wie Tupoka Ogette, die das Buch Exit Racism geschrieben hat,
Tsepo Bollwinkel, einem Schwarzen Trans*Mann und Musiker,
https://tsepo-bollwinkel-empowerment.de
Bei Phönix e. V.
oder natürlich in den Sozialen Medien! Hast du TikTok-, Instagram-, Facebook- oder Youtube-Accounts, die du empfehlen kannst? Poste sie hier drunter!
Quellen:
Eingebettete Links und Fachtagung https://app.konferenzevent.de/events/afrozensus—diskriminierungserfahrungen,-perspektiven-und-engagement-schwarzer-menschen-in-deutschland/7286/2W52G
geschrieben von Rewe
