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Rassismus Trans*

Die Angst vor dem Namen

„Die Angst vor einem Namen verstärkt nur die Angst vor der Sache selbst“, sagte schon Albus Dumbledore, der berühmte und mächtige Schulleiter, der viele Jahre lang die Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei leitete. Ich weiß nicht genau, wie viele von euch Harry Potter kennen. Ich bin mit der Geschichte aufgewachsen und es gibt viele weise Zitate darin – auch wenn es ebenso viel berechtigte Kritik an diesem Universum und nicht zuletzt an der in letzter Zeit durch trans*feindliche Äußerungen aufgefallenen Autorin J. K. Rowling gibt (hierzu findet ihr einen Post meiner Kolleg*innen aus dem letzten Jahr auf unserem Blog unter https://vielfalt-liebe.j-gcl.org/gehasst-und-doch-geliebt-j-k-rowling-in-der-kritik). Doch dieser Blogbeitrag ist ein sehr persönlicher und deswegen hat er jetzt eben auch eine Kindheitserinnerung von mir im Titel.

Über das Zitat bin ich in diesem Kontext gestolpert:

Deutsch: Menschen, die sich nicht als Feminist*innen identifizieren (obwohl sie sollten). Links: „Ich bin total für Frauen*rechte, ich mag nur das Wort „Feminist*in“ nicht. Rechts: Zitat von Dumbledore, „die Angst vor einem Namen verstärkt nur die Angst vor der Sache selbst“.

Doch in diesem Beitrag geht es nicht in erster Linie um Feminismus. Feminismus – jedenfalls mein Feminismus – kämpft für die Abschaffung von Geschlechterrollen und die Gleichberechtigung aller Geschlechter. Und das funktioniert nur intersektional. Intersektional bedeutet, dass verschiedene Diskriminierungsformen, die sich überschneiden, mitgedacht werden. Beispielsweise Sexismus, also die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts, und Rassismus, also die Benachteiligung aufgrund der Idee, es gäbe „Menschenrassen“ (gibt es nicht!).

Kimberly Crenshaw, eine Schwarze Anwältin aus den USA, prägte den Begriff „Intersektionalität“, der von „intersection“, dem englischen Wort für „Straßenkreuzung“ kommt. Sie beschrieb damit, dass Betroffene verschiedener Diskriminierungsformen quasi in der Mitte einer Straßenkreuzung stehen: Eine Straße ist die eine Diskriminierungform, die andere Straße die andere Diskriminierungsform und auf beiden Straßen fahren schwere, schnelle Autos und Lastwagen – einzelne Diskriminierungserfahrungen – und rollen über die in der Mitte stehende Person hinweg. Verschiedene Diskriminierungsformen existieren nicht einfach nebeneinander, sie bedingen, verstärken und verändern einander. Schwarze Frauen* erfahren eine spezielle Art von Sexismus, zusätzlich zu dem Sexismus, den auch weiße Frauen* erfahren und eine spezielle Art von Rassismus, zusätzlich zu dem, den auch Schwarze Männer* erfahren. Schwarze Trans*frauen erfahren diese beiden Arten von Rassismus und Sexismus, dazu auch noch Trans*feindlichkeit und diese noch zusätzlich in spezieller, rassistischer und in spezieller, sexistischer Form, wie sie weiße Trans*frauen und Schwarze Trans*männer nicht erleben. Aus Rücksicht auf betroffene Leser*innen werde ich hier keine Beispiele reproduzieren, ihr findet davon genug in den Sozialen Medien, aber z. B. auch im Buch von Alice Hasters und in den Interviews mit BiPoC hier im Blog. Im Post zur Trans* Awareness Week habe ich erwähnt, dass Schwarze Trans*frauen am häufigsten durch trans*feindliche Gewalt sterben – auch das ist intersektionale Diskriminierung.

Aber was ist jetzt mit der Angst vor dem Namen?

In Reaktion auf unsere Blogposts, aber auch in Diskussionen um Beiträge anderer Menschen habe ich mich viel mit Personen ausgetauscht, die sich noch nicht so viel mit Diskriminierung beschäftigt haben. Dabei stieß ich auf ein Konzept, das Robin de Angelo, eine weiße Antirassismus-Aktivistin*, „White Fragility“ genannt hat, „weiße Zerbrechlichkeit“. Dieses Konzept wurde auch z. B. auf Trans*diskriminierung übertragen, dort gibt es dann „Cis-Fragility“. Gemeint ist damit, dass die nicht-diskriminierte Gruppe sich sehr schwer damit tut, wenn sie darauf angesprochen wird, dass sie sich diskriminierend verhalten hat und mit sogenannten Abwehrmechanismen reagiert.

Wir alle wollen gern gute Menschen sein und als gute Menschen wollen wir nicht diskriminieren. Da wir leider bisher nicht in der Schule lernen, dass wir das alle ab und zu tun, wie wir damit umgehen und es weniger tun können, können wir das nur schwer ertragen.

Wir versuchen, Diskriminierung so gut es geht auszublenden. Wir sagen dann Dinge wie „für mich sind alle Menschen gleich“ und denken, das würde ausreichen. Das tut es nicht. Aber weil wir so gerne wollen, dass es ausreicht, ist es uns unangenehm, Unterschiede zu benennen.

„Ich sehe keine Farben“ – ausgesprochen im antirassistischen Kontext soll das bedeuten, eine Person würde keine „Hautfarbe“ sehen und deswegen niemanden rassistisch diskriminieren. Und aus persönlicher Erfahrung weiß ich, wer sich das stark genug einredet oder sogar so aufwächst, tut sich auch tatsächlich schwer, von Rassismus Betroffene als solche zu erkennen. Ich glaube, ich bin nicht die einzige Person, die diese Erfahrung gemacht hat. Deswegen habe auch ich mich anfangs sehr schwer getan, Menschen „Schwarz“ oder „of Color“ zu nennen. Ich wollte lieber gar nicht über dieses Merkmal sprechen und vor allen Dingen hatte ich eins nicht verstanden: Es sind nicht nur – global gesehen – die meisten Menschen Schwarz oder of Color. Der Rest der Menschen, inklusive mir, ist weiß.

Die Angst vor dem Namen, die Angst davor, einen Unterschied zu benennen, etwas auszusprechen, zeigt, wie rassistisch unser Denken geprägt ist: Denn bei anderen Unterschieden haben wir keinerlei Scheu, sie zu benennen. Hast du dich schon einmal gefragt, ob es okay ist, eine Person als „blond“, „brünett“, „rot-“ oder „schwarzhaarig“ zu bezeichnen? Ich jedenfalls nicht.

Eine männlich gelesene Person „groß“ zu nennen, hat mich auch noch nie verunsichert. Bei weiblich gelesenen Personen schon, denn das Ideal für „uns“ ist es, klein zu sein und viele große Mädchen* und Frauen* leiden darunter – deswegen wollen wir das dann lieber verschweigen.

Das hilft aber nicht. Im Gegenteil, das Stillsein und das Nicht-Benennen hält die „Norm“, also die Vorstellung, etwas sei „normal“ und etwas anderes nicht, aufrecht.

Wenn wir Bücher lesen und die Personen sind nicht näher beschrieben, stellen wir uns die Menschen alle als cis vor, die Männer* vielleicht als ca. 1,80 m und die Frauen* als 1,65 m groß vor, definitiv alle als weiß und able-bodied (nicht-behindert) und alle Menschen, die sich nicht outen, halten wir für heterosexuell. Hierzu gibt es einen wunderbaren Tedtalk von Chimamanda Ngozi (leider auf Englisch):

Das ist ein Problem (und beispielsweise auch ein Argument für eine Sprache, die mit Gender* oder -_ alle Geschlechter sichtbar macht).

Die Angst davor, ein bestimmtes Merkmal zu beschreiben, zeigt nur, dass wir im Kopf haben, das sei „schlechter“, also abgewertet, also diskriminiert. Das vermeintlich „bessere“, also das nicht-abgewertete, nicht-diskriminierte Merkmal ist das, das wir gar nicht benennen, das wir im Kopf haben, wenn es nicht anders beschrieben wird, das wir für „normal“ halten. Auch wenn es nichts mit „Normalität“ zu tun hat im Sinne von „das kommt am häufigsten vor“, denn es gibt insgesamt mehr Frauen* und nicht-binäre Personen auf der Welt und viel viel mehr BiPoC als weiße Menschen. Aber diese Zweiteilung und diese Abwertung können wir aufbrechen: Indem wir sie benennen! Und zwar beide Extreme bzw. alle Positionen und so lernen, sie wertfrei zu benutzen!

Indem wir also genauso selbstverständlich Menschen

als weiß beschreiben, wie als Schwarz, indigen, of Color, Sinti*zze oder Rom*nja1,

als able-bodied wie als behindert,

als normschön wie als dick_fett,

als cis wie als trans*,

als einsprachig wie als mehrsprachig,

als christlich/ atheistisch wie als muslimisch oder jüdisch,

als deutsch wie als ausländisch (und beides eben weder mit weiß noch mit BiPoC verwechseln und nicht gleichsetzen!).

Wichtig ist, jede marginalisierte (also als „nicht-normal“ angesehene) Gruppe mit den von diesen Menschen verwendeten Selbstbezeichnungen zu beschreiben, nicht mit diskriminierenden Fremdbezeichnungen, also eben z. B. BiPoC zu sagen und auf keinen Fall das N-Wort, aber auch nicht „Farbige“ oder ähnliche Begriffe, die von den Betroffenen abgelehnt werden, verwenden. Natürlich können wir nicht immer genau wissen, welche Bezeichnung eine Person für sich benutzt und das kann sehr unterschiedlich sein, wie ihr in den Interviews zum Thema Rassismus gelesen habt. Eine konkrete Person können wir immer danach fragen, wie sie sich bezeichnet. Grundsätzlich können wir uns aber immer online informieren, welche Begriffe „gar nicht gehen“ und welche viel bzw. gerne verwendet werden. Und die Selbstbezeichnungen so lange einzuüben, bis sie uns genauso wenig verunsichern, wie „blond“, „rothaarig“, „groß“ oder „schlank“.

Das heißt, wie generell bei Anti-Diskriminierungs-Arbeit: Betroffenen zuhören!

Und wenn dich eine*r konkret darauf anspricht, dass ein bestimmtes Verhalten diskriminierend ist, reagierst du möglichst nicht mit Fragility, streitest es also nicht ab oder rechtfertigst dich. Wenn du es wirklich „nicht so gemeint“ hast, also nicht diskriminieren wolltest, ist die naheliegendste Reaktion doch „Entschuldigung, wie kann ich es besser machen?“

geschrieben von Rewe, einer weißen, able-bodied, christlichen, deutschen, nicht-binären Trans*person

1Sinti*zze und Rom*nja sind eine seit vielen hundert Jahren in allen europäischen Ländern heimische Minderheit, die oft mit dem Z-Wort, das ähnlich wie das N-Wort nicht ausgesprochen werden sollte, diskriminiert wird und eine besondere Art des Rassismus erlebt. Diese sollte besser mit „Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja“ als mit dem vermeintlichen Fachwort beschrieben werden, welches das Z-Wort reproduziert (wiederholt) [Anti-Z-wort-ismus].

Von vielfaltundliebe

Wir sind ein demokratisch gewähltes Team aus Mitgliedern der Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens (J-GCL), die hier und auf unserem Instagram-Account @vielfalt.liebe Mitglieder und andere Interessierte zu Themen rund um Vielfalt und Liebe informieren.
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