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Queer Trans*

Genervte Pädagog*innen

Pädagog*innen, die genervt davon sind, wenn trans* Jugendliche ihren Namen öfter ändern? Hier ist, was ein Kollege* dazu zu sagen hat.

Liebe Leser*innen,

Ihr seid jetzt wahrscheinlich gar nicht die richtige Zielgruppe, aber vielleicht kann der*die*das ein oder andere entweder die Argumentation übernehmen, oder aber diesen Artikel mal irgendwann jemand zeigen, der*die*das solche Aussagen tätigt und ich versuche auf jeden Fall, auf diese Weise meine Wut zu kanalisieren und meine Gedanken zu sortieren.

Ich höre in letzter Zeit sehr häufig von Erwachsenen, die mit Jugendlichen arbeiten, dass sie genervt sind von „diesen trans* Kids“, die „ständig“ ihre Namen und vielleicht auch ihre Pronomen ändern und wie schwierig es ist, da „mitzuhalten“ und dass sie „sich den Aufwand nicht machen“. Also von Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen und ähnlichen Professionen. Hier ist, was ich dazu zu sagen habe

  1. Das ist eine trans*feindliche Argumentationslinie.
    Dessen sind Sie, werte*r Kolleg*in sich vermutlich nicht bewusst und auf jeden Fall ist es auch nicht Ihre Schuld. Wir alle sind trans*feindlich – und homofeindlich, queerfeindlich generell, zudem noch rassistisch, antisemitisch, ableistisch (also behindertenfeindlich), klassistisch, sexistisch, u.v.m. – sozialisiert und müssen unser Leben damit verbringen, diese Vorurteile und Diskriminierung zur ver-lernen.

    Deswegen finden wir es „merkwürdig“, wenn nicht sogar „lächerlich“, wenn eine Person, weil sie trans* ist, ihren Namen ändert, aber völlig in Ordnung, wenn sie das tut, weil sie heiratet oder z. B. um ihren Namen „einzudeutschen“, weil der eigentlich aus einer anderen Sprache kommt (und die Mehrheitsgesellschaft es aus rassistischer Arroganz nicht einsieht, zu lernen, wie der Name richtig ausgesprochen und geschrieben wird).

    Wir finden es völlig in Ordnung, wenn Menschen in manchen Kontexten Abkürzungen ihres Namens und Spitznamen oder Kosenamen benutzen und in anderen Kontexten nicht und gewöhnen uns daran, dass unsere Freundin Andi in der Kirchengemeinde „die Andrea“ und in der Arbeit „Frau Nguyen“ ist und nennen sie auch entsprechend, wenn wir uns mit Menschen unterhalten, die sie unter diesem Namen kennen.

    Sie haben es sicherlich, liebe*r Kolleg*in, auch schon oft erlebt, dass Jugendliche irgendwann vielleicht nicht mehr „Melli“ oder „Maxi“, sondern „Melanie“ oder „Maximilian“ und Kinder nicht mehr „Schneckchen“ oder „Hase“ sondern [Name hier einfügen] sein möchten, weil das kindisch ist – auch wenn einige ihre Meinung darüber irgendwann wieder ändern. Aber bei „diesen trans* Kids“, da ist das anstrengend und nervig. Warum?
    Erlernte Trans*feindlichkeit. Ja, auch wenn Sie eigentlich unterstützend und offen sind. Es ist okay. Sie sind kein schlechter Mensch deswegen, weil Sie manchmal versehentlich trans*feindlich denken. Aber wenn Sie Trans*menschen nicht zuhören, wenn Sie sich weigern, zu lernen, dann… nun ja… Kommen wir zu Teil 2:

2. Vielleicht, liebe*r Kolleg*in, haben Sie Kinder. Oder Sie wollen mal welche. Schon mal drüber nachgedacht, wie Sie die nennen wollen? Keine Kinder in Sicht? Okay, vielleicht haben Sie Nichten, Neffen, Patenkinder oder jüngere Geschwister?

Wie ist das denn mit dem ersten Namen, den wir bekommen? Üblicherweise bekommen wir den so rund um unsere Geburt, meist sucht den die Familie aus, die Eltern hauptsächlich. Und wie läuft das?

Ich habe ein Geschwisterkind bekommen, als ich 9 Jahre alt war und ich erinnere mich noch sehr gut daran: Da wurden Listen geschrieben mit Vorschlägen und dann durften alle möglichen Menschen ihren Senf dazu geben. Verschiedene Dinge wurden bedacht und ein Name ausgewählt und wenn dann irgendein schlagendes Argument kam, warum der jetzt doch nicht so cool ist, dann wurde er eben wieder verworfen.

Oft kommt die Idee für einen Namen für ein Kind einer Person, weil ein anderer Mensch, den mensch gut findet, den Namen trägt oder trug, eine prominente Person, jemand im Umfeld, egal.
Dinge, die Familien bedenken, wenn sie Namen auswählen, sind z. B. ob er gut zum Nachnamen passt, vielleicht auch zu den anderen Namen in der Familie, welche Abkürzungen es dafür gibt und ob die schön sind, Verballhornungen, Reime und Witze, die mit dem Namen gemacht werden können. Aber auch, welche Dinge sie selbst und andere Menschen mit dem Namen verbinden. Die meisten von uns kennen Studien, dass bestimmte Namen die Bildungschancen ihrer Träger*innen negativ beeinflussen, weil Menschen mit diesen Namen für dumm gehalten werden. Genauso gibt es Namen, die die meisten Menschen mit Erfolg und Intelligenz verbinden. Aber nicht nur das, auch eine Religions- und Schichtzugehörigkeit, Geburtsjahre, Regionen und Länder, alle möglichen Zuschreibungen werden mit Namen verknüpft.

Vielen Menschen recherchieren dann auch die Bedeutung eines Namens und überlegen, ob ihnen die gefällt, manche Menschen gehen ausschließlich nach der Bedeutung. In Deutschland eher selten, aber in vielen anderen Ländern, sei es den USA, Nigeria oder Vietnam, tragen Menschen Namen, die sogar einfach in der dort gesprochenen Sprache Bedeutungen wie „Erfolg“, „Himmel“, „Weisheit“, „Hoffnung“ haben oder werden nach Städten und Orten benannt (Success, Sky, Wisdom, Hope, Paris, Brooklyn,…).

Einige Menschen überlegen heutzutage auch, ob der Name sich auch international nutzen lässt und vor allem auf Englisch gut bzw. genauso klingt. Für Menschen, die mehrere Nationalitäten oder Kulturen haben, ist es oft entscheidend, dass der Name von allen Verwandten intuitiv korrekt ausgesprochen wird und nicht am Ende an ein unanständiges Wort in einer anderen Sprache erinnert.
Gerade Menschen in unseren Berufen, liebe*r Kolleg*in, machen doch ständig Witze darüber, dass es schwer wird, einen Namen für unsere Kinder zu finden, weil wir immer schon ein wirklich unangenehmes Kind in unserer Gruppe oder Klasse hatten, das so hieß.

Genau diese Überlegungen haben Trans*menschen auch. Und einiges anderes kommt noch dazu, was dazu führen kann, dass ein Name, den wir eigentlich total gut fanden, dann doch rausfällt: Zum Beispiel finden wir einen Namen, der noch näher an unserem Deadname [der abgelegte, von den Eltern erhaltene Name, der meist mit einem für die Person falschen Geschlecht assoziiert wird] ist. Oder wir stellen fest, dass der Name zu nah  an unserem Deadname ist und wir deswegen regelmäßig den „alten“ Namen zu hören meinen und uns unwohl fühlen. Oder wir stellen fest, dass es da einen Star oder Promi gibt, der*die*das so heißt und den*die wir überhaupt nicht gut finden. Oder einfach, dass der Name zwar toll ist, aber sich nicht nach mir anfühlt.

Das Ding ist, dass wir nicht nur immer noch einen ganzen Haufen Geld (nämlich so ungefähr 2000€) bezahlen müssen, um diesen Namen dann endlich überall offiziell zu führen (v. a. für Gutachter*innen und Gerichtskosten, aber dann auch noch für die Neu-Beantragung aller Dokumente), es wird auch erwartet, dass wir uns dann wirklich mit dem Namen identifizieren. Das erwarten wir ja auch selbst! Also nicht nur jetzt, sondern auch, wenn wir 30 sind und 50 und 85 Jahre alt. Wenn wir den Namen auf Visitenkarten und auf die Kandidat*innenliste der Bundestagswahl oder der zum/zur Klassen- oder Elternsprecher*in eintragen. Das wissen wir. Das wissen auch Jugendliche, die gerade noch gar nicht ganz sicher sind, ob und wenn ja wie sie eigentlich trans* sind.

3. Trans* sein ist schwierig. Zu oft wird es immer noch nicht von der Familie akzeptiert oder nicht bedingungslos. Zu oft werden falsche Pronomen verwendet, vor allem, wenn der Name anders, also zum Beispiel männlich* oder weiblich* gelesen wird.
Daher kann es für Jugendliche auch ein erster Schritt sein, einen neutralen, weiblichen* oder männlichen* Namen auszuprobieren, um zu sehen, ob das So-Wahrgenommen-Werden eher mit ihrem Gefühl, ihrer eigenen Geschlechtsidentität „matcht“, zusammenpasst, als der Name, den sie davor verwendet haben. Dann geht es noch gar nicht darum, den perfekten, endgültigen Namen zu finden, sondern erst mal zu gucken, „wie möchte ich wahrgenommen werden? Wie nicht?“

Die Gesellschaft zwingt uns immer noch, ein Label zu finden und uns zu rechtfertigen, warum es jetzt dieses eine und nicht ein anderes ist, warum wir ein Trans*junge und nicht nicht-binär, agender, kein Tomboy oder „einfach nur ein jungenhaftes Mädchen“ sind oder eben andersrum, warum wir nicht-binär sind und kein Trans*mädchen, fragt uns, ob wir sicher sind, dass wir Geschlecht und sexuelle Orientierung auseinanderhalten können und vieles mehr und deswegen müssen wir eben ausprobieren, um herauszufinden, welches Label jetzt so 100% passt, dass uns auch die Nachfragen nicht verunsichern und wir das „verkaufen“ können. (Das ist übrigens auch der Grund, warum so häufig neue Label entstehen, weil die Gesellschaft so viel vergleicht und darauf besteht, dass Menschen, die das eine nicht ganz, ganz genau treffend finden, ein anderes brauchen). Das ist schwierig und dauert und braucht Fehlerfreundlichkeit.

Identitätsfindung ist ein Prozess und im Jugendalter auch eine Entwicklungsaufgabe, das haben wir doch alle in der Ausbildung gelernt. Es ist unser Job, diesen Prozess zu unterstützen. Wir haben uns diesen Job ausgesucht, niemand zwingt uns dazu, mit Jugendlichen zu arbeiten. Wir können auch mit kleinen Kinder arbeiten (Fun Fact: Auch da gibt´s Trans*kinder), mit Erwachsenen oder uns einen Bürojob suchen.

Ich glaube, die allermeisten Trans*menschen, auch die, die sich viel später erst outen, probieren verschiedene Namen aus. Erwachsene machen das halt dann allein, mit Freund*innen oder in der queeren Community, weil sie versuchen, dem Stigma zu entgehen und outen sich oft erst, wenn sie sich mit dem Namen sicher sind.
Aber wenn Sie da einen jungen Menschen habt, der Ihnen so weit vertraut, dass er ausgerechnet Sie bittet, ihn*sie*they mit einem anderen Namen (und/ oder Pronomen anzusprechen), dann schätzen Sie das doch bitte wert und respektieren Sie das!
Und wenn Sie da einen jungen Menschen haben, der so stark von Ihnen abhängig ist oder so stark unter dem anderen Namen (und/ oder Pronomen) leidet, dass er Sie bitten muss, ihn* sie*they anders anzusprechen, auch wenn er*sie*they eigentlich wenig Unterstützung von Ihnen erwartet, dann machen Sie es ihm*ihr*them doch nicht noch schwerer!
Jedes Outing kostet Kraft und Mut! Das passiert nicht einfach so.

4. Ja, viele von Ihnen sagen auch, „das ist jetzt ein Trend“, „das machen jetzt alle“, „aber bei dem*der einen ist es echt nur ne Phase“. Okay, zurück zu Punkt 3: Identitätsfindung ist eine Entwicklungsaufgabe. Und wenn ein junger Mensch sich mit seinem Gender auseinander setzt, ein bisschen was ausprobiert und dann doch sagt „nee, alles gut, bleibt alles wie es war“, dann ist das völlig in Ordnung. Wenigstens wird diese Person mit großer Wahrscheinlichkeit Geschlechterrollen und Klischees hinterfragen und damit weniger sexistisch, weniger toxisch maskulin, weniger trans*- und homofeindlich und insgesamt toleranter und sensibler werden durch diesen Prozess, ist doch toll! Und mehr zu sich selbst finden!


Aber auch dieser junge Mensch wird sich auch hinterher noch freuen, dass Sie ihn*sie*they unterstützt und ernst genommen haben und das Ausprobieren respektiert, statt es abzuwerten. Und alle anderen in Ihrer Klasse/ Gruppe/ Einrichtung lernen durch Ihr Vorbild Toleranz und Akzeptanz und eine andere Person traut sich vielleicht genau wegen dieser Erfahrung, sich zu outen. All das können Sie aber im Vorfeld nicht wissen, vielleicht ist der junge Mensch auch trans*.
Vielleicht weiß diese*r Jugendliche noch nicht genau, was seine*ihre*their Identität ist, aber mit Sicherheit weiß er*sie*they es doch besser als Sie? Sie kennen dieses Kind jetzt wie lange und sehen es wie oft pro Woche?


Sicher ist: Kein Mensch wird trans*, nur weil Sie oder irgendwer (eine Zeit lang) einen anderen Namen oder ein anderes Pronomen für diesen Menschen benutzen. Aber auch kein Mensch wird cis, nur weil Sie oder alle sich weigern, die Trans*-Identität dieses Menschen zu respektieren. Studien zeigen, dass eine einzige unterstützende Person das Suizidriskio einer jungen Trans*person um 55% senken kann (1). Also warum entscheiden Sie sich nicht einfach dazu, mindestens diese eine Person zu sein? 

Wir wollen nicht, dass aus cis Kindern trans* Kinder werden. Wir wollen, dass aus trans* Kindern trans* Erwachsene werden. 

Jugendliche dürfen doch auch ihre Berufswünsche 5, 10, 25 mal ändern und wir ermutigen sie sogar dazu, weil wir ihnen wünschen, etwas zu finden, das wirklich zu ihnen passt., mit dem sie glücklich werden. Warum machen wir das nicht mit Namen, Pronomen, Gender genauso?

gezeichnet: ein Kollege* (Soziale Arbeit B. A.)

Quellen: (1)

https://www.thetrevorproject.org/research-briefs/the-mental-health-and-well-being-of-lgbtq-youth-who-are-intersex-dec-2021/

geschrieben von Rewe

Von vielfaltundliebe

Wir sind ein demokratisch gewähltes Team aus Mitgliedern der Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens (J-GCL), die hier und auf unserem Instagram-Account @vielfalt.liebe Mitglieder und andere Interessierte zu Themen rund um Vielfalt und Liebe informieren.
Informationen zu unseren Verbänden findest du unter www.j-gcl.org.

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6 Antworten auf „Genervte Pädagog*innen“

Liebe Kolleg*innen, super Text, sehr wertvoll für die geschlechterpädagogische Arbeit. Euer Text wird gerade in unserer Fachgruppe geschlechtersensible-paedagogik auf Facebook sehr positiv zur Kenntnis genommen. Als problematisch wird die Farbkombination von blauer Schrift auf gelbem Untergrund angesprochen. Die Komplementärfarben lassen die Buchstaben in den Augen springen, ich kann den Text auch nur mit Mühe lesen. Vielleicht könnt ihr aus dem Blau der Schrift wenigstens ein Schwarz machen? Danke und herzliche Grüße aus dem Projekt meinTestgelände, Claudia

Ich kann die Quelle 1 nicht öffnen. Es geht um die Studie , dass das Seibstmordrisiko um 55% gesenkt werden kann…. Ich habe davon noch nie etwas gehört ,daher interessiert mich diese Quelle sehr.

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